Wesel: Nicht Nu(h)r komisch
VON THOMAS HESSE - zuletzt aktualisiert: 27.10.2006Wesel (RPO). Ein Weselaner auf der Bühne: Wie Dieter Nuhr auch mit einem alten Programm mit Abnutzungserscheinungen ein Heimspiel hinlegte. Das Bühnenhaus war ausverkauft – wie immer bei ihm. „Nuhr die Wahrheit“ heißt das neue Programm, in dem der geborene Weselaner Dieter Nuhr philosophische Antworten auf nie gestellte Fragen gibt.
In seiner Wahlheimat Ratingen hat der bekennende Schlappige-Jeans- und T-Shirt-Träger, der irgendwo zwischen Kabarettist und Comedian wortgewandt kalauert und schlaublödelnd analysiert, schon die brandaktuelle Bühnenvariante präsent. In Wesel lieferte Dieter Nuhr ein Auslaufmodell ab. „Ich bin’s Nuhr“ brachte dennoch das ausverkaufte Bühnenhaus zum schrägen Amüsieren.
Mit Patina
Das alte Programm mit der mittlerweile berühmten und Beifall umrauschten Johnny-Depp-Nummer hat ein wenig Patina angesetzt. Nuhr wirkte auch nicht so witzig und ambitioniert wie bei anderen Weseler Auftritten. Aber er wird vom Publikum geliebt für seine plaudernd geistreichen bis skurrillen Lebensweisheiten. Es ist schon bemerkenswert, wie er in seiner über zweistündigen Ein-Mann-Show zu fesseln versteht. Gewonnen hatte er schon mit der ersten Nummer. Spätestens, als der Jung’ vom Viehtor Nummer acht in Wesels Mitte berichtete, wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte, oder über architektonischen Fortschritt in der Kreisstadt – wie den kantigen Saturn-Bau – sinnierte.
Am Viehtor
Dieter Nuhr ist geborener Weselaner. Viehtor und Brückstraße kennt er bestens. Als er vier war, zog seine Familie nach Düsseldorf.
Auch die erwartete Abteilung „Mutter und Vater“ ist eine sichere Bank. Die ewig besorgte Mutter, die ihrem Dieter sogar ins Universum gute Ratschläge und die Gemüsesuppe im Tuppertopf nachbringt, und der Vater, der alle drohenden Neuerungen mit „Brauch’ ich nich’“ quittiert, sind menschlich allzumenschlich und irgendwie weselanerisch. Dieter Nuhr berichtet’s in seiner beiläufigen Art, gestikulierend, über die Bühne schlurfend. Seine Kunst ist, vom heimischen Klein-Klein mit einer einzigen Nebenbemerkung ins Weltphilosophische einzutauchen. Zu Recht gilt Dieter Nuhr als der (Lebens-) Philosoph unter den Kabarettisten. Bei Fragen wie „Was ist der Mensch?“ zelebriert er Erkenntnisse wie die einer „biologischen Masse“, was er wiederum in Bezug zur Fliege setzt, deren Bewusstsein nur 0,7 Sekunden lang reicht und die bei so viel Vergesslichkeit wieder vor die Fensterscheibe donnert.
Um rasend schnell wieder bei Mann und Frau und dies und das in ihrem Zusammenleben zu landen. Da wird der Beinahe-Lehrer (Geschichte und Kunst) urkomisch, wenn er sich und alle Geschlechtsgenossen mit überdrehten Alltagssituationen konfrontiert.
Beifall für Nuhr, der zur Creme der deutschen Kabarettisten-Comedians zählt. Zugaben.
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