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Wesel: "Oliver" – großartige Inszenierung

VON MARTHA AGETHEN - zuletzt aktualisiert: 04.10.2010

Wesel (RPO). Das Broadway-Musical "Oliver" von Lionel Bart nach Charles Dickens' berühmtem Gesellschaftsroman von 1837 wurde jetzt im Bühnenhaus von der Musical-AG der MKS aufgeführt. Das Projekt war eine der "größten Herausforderungen bislang". Es wurde bravourös gemeistert.

Oliver, der Junge, dem das Schicksal übel mitspielt, der als Ärmster der Armen in den Straßen Londons um eine Schale Suppe bettelt, elend ausgebeutet und schließlich von einer Diebesbande adoptiert: Das Broadway-Musical von Lionel Bart nach Charles Dickens' berühmtem Gesellschaftsroman von 1837 wurde jetzt im Bühnenhaus von der Musical-AG der MKS aufgeführt. Für AG-Leiterin Christa Dungs "eine der größten Herausforderungen bislang".

Gaunerbraut mit Bühnenpräsenz

Richtig spannendes und gefühlvolles Theater wurde da präsentiert. Schnell war die Technik austariert, schnell fanden sich die Darsteller in die Bühnensituation ein. In der großartig gelungenen Inszenierung steckte jede Menge Herz und Arbeit. Reizende Gruppenszenen gab es, wenn Horden von Armenhauskindern in Windeseile ihre Essnäpfe leer putzen oder Jugendliche im Gaunermilieu das Stibitzen trainieren, daneben hübsche Tanzszenen wie das Regenschirmballett. Alle Sänger gingen geradezu in ihrem Part auf und setzten auch auf Interpretation.

Einsätze klappten tadellos; Töne waren, obwohl sie beinah aus der Luft gezaubert werden mussten, fast immer auf den Punkt gebracht. Schwer, denn die – im Übrigen großartig mitwirkenden – Instrumente im Orchestergraben spielten deren Melodielinie nicht mit. Einige junge Interpreten zeigten schon erstaunliches Profil: Aylin Suhrborg als Gaunerbraut Nancy fiel durch besonders starke Bühnenpräsenz als schillernde Figur mit tragischem Anstrich aus dem Umfeld der Diebesbanden auf. Ihre Stimme hatte den typischen Musicalsound.

Jede hübsche Stimme hatte ganz individuellen Charakter. So der minutenlange Solopart "Wo bist du?", wenn der Titelheld, gespielt von Johanna Furtmann, so traurig und anrührend nach der toten Mutter fleht. Andere brachten jede Menge Schauspieltalent ins Spiel. Hannah Kohler als großzügiger Grauschopf Mr. Brownlow, der Oliver von der Straße holt, das gleichermaßen kauzige wie berechnende Bestatterpärchen Sowerberry, (Teresa Kohler, Lisa Marie Buschkamp) oder die zwielichtige Figur des jüdischen Hehlers Fagin (Nina Terfurth). Alles klappte unter Engelbert Möller am Dirigentenpult wie am Schnürchen.

Die fantasievollen, märchenhaften Kostüme hatten die Mütter als Kontrast zu den düsteren Dias von verfallenen Gassen und trostlosen Quartieren im Hintergrund geschneidert: Olivers Gaunerkumpan Dodger verschwindet unterm verbeulten opulenten Hut, Fagin steckt, ein wenig abgehalftert, im bodenlangen, gelben Kaftan, der böse Bill Sykes verbreitet im schwarzen Ledermantel Angst und Schrecken, Großvater Brownlow stakst adrett in Frack und Spitzenkrawatte umher. Ein Stoff, wie geschaffen für die Umsetzung durch eine Musikschule, da er in einer Zeit spielt, als so manches Kind sich auf gut Glück selbst durchs Leben beißen musste. Im Gedächtnis bleibt auch die Mordszene, als Nancy von Bill getötet wird. Da zeigt sich, was Jugendliche über die Medien so zum Thema aufgesogen haben: Hoch geht's her, Schreien, Mordlust, der letzte Todesseufzer – alles ordentlich ausgekostet.

Quelle: RP

 
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