Wesel: Poetry Slam – Schräge deutsche Dichter-Szene
zuletzt aktualisiert: 17.09.2008Wesel (RPO). Die neuen deutschen Dichter sind im Anmarsch. Um wort- und gestenreich von ihrer Kunst zu künden, treffen sie sich überall dort, wo Leute ungezwungen zusammenkommen. Sechs von ihnen reisten am Montag nach Wesel: Ruth Reusch, Hatice Gönüleri, Claas Neumann, Patrick Roßkothen und Sushi da Slamfish zählen zur seit zehn Jahren aktiven deutschen Szene des „Poetry Slam“.
Im Normalleben sind sie Erzieherin, Student, Verwaltungsfachmann. Sushi lebt gar vom Slam. Per Akklamation war Tobias Kunze am Samstag in Münster zum Poetry Slam-Meister NRW gekürt worden. Alle kamen im Rahmen der Aktion „Hier lang!“ ins gemütliche, gut besuchte Lokal „Marlene“.
„Traumschön“ fand Moderator Klaus Thiel-Klenner, selbst Poet, die Straßen der Stadt. „Poetry Slam“ meint einen Dichterwettstreit – in Wesel so nie da gewesen, auch wenn bereits das Mittelalter Ähnliches kannte. Die Themen sind vielfältig wie das Leben. Einzige Klammer: eigene Texte müssen her, nicht länger als sechs Minuten.
Die Ideen, die als Prosa, in Versen, als Rap oder Gedicht auf den Tisch kamen, reichten von Nonsens bis Sozialkritik. Sushi erzählte im schwingenden Erzählstil von Untaten als Schlüsselkind, Ruth schwelgte in Rachevisionen (Koteletts im Briefkasten, Panflötenexzess unterm Fenster), falls „er“ sie verlassen sollte. Mit ähnlichem Frust zitierte Sushi die Knef: „Für dich soll‘s rote Grütze regnen!“ Thematisiert wurden seltsame Blüten der Integration.
Im Stechen siegten Tobias und Patrick. Die zeigten Klasse. Tobias aktivierte, herrlich swingend, das Publikum im Refrain „Mitnichten Frau Schrader!“ bei der fantasiege-spickten Geschichte über das Leben draußen, während sich drinnen Schrader vergeblich am Artikelschreiben versucht.
Später präsentierte Tobias mit Gebrüll ein Horrorszenerio à la Kafka über Mysterien einer monatelang gesperrten Küche. Das ging so aus: „Gediegene Wärme schmorte unsere Hirne knusprig.“ Patrick bot ein „Wort“schwall-Domino als intelligenten Rap. Erst hatte er Imponiergehabe des männlichen Alphatiers auf der „Lover‘s lane“ vernichtet: „Das alles tritt sie mit den Füß‘, indem sie sagt: Ich find dich süß!“
Die Poeten hielten zueinander: besonders als Claas‘ gut gemachte, philosophisch angehauchte Erinnerungen im Whiskydunst am Todestag des Vaters weniger Lob bekamen. Übrigens: „Slammer“ nennt man die Poeten besser nicht. Slammer war ein Computerwurm!
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