Wesel: Rathaus-Fenster zum Anfassen
VON FRITZ SCHUBERT - zuletzt aktualisiert: 29.11.2008Wesel (RPO). Die Bürgerstiftung Historisches Rathaus zeigt im Flürener Restaurant Art und später in der Verbands-Sparkasse das erste 1:1-Modell eines Fassadenstücks. Architekt und Gotik-Experte Prof. Dr. Wolfgang Deurer testet daran die plastische Wirkung, Licht und Schatten.
Täuschend echt und doch nur ein Styropor-Modell: Die Bürgerstiftung Historisches Rathaus zeigt in diesen Tagen am Flürener Restaurant Art ein beeindruckendes 1:1-Modell, das für Prof. Dr. Wolfgang Deurer in der Fassaden-Feinplanung unverzichtbar ist. Es handelt sich um ein mehr als fünf Meter hohes Fenster-Element für die zweite Etage.
Im Frühjahr zum Großen Markt
Wer es auf sich wirken lässt, der sieht im Geiste schon das ganze Projekt. Aber wirkt es auch richtig ? Dieser Frage geht Deurer nun nach, spürt den korrekten Kontrasten sowie dem Spiel von Licht und Schatten in der komplizierten Bauform der Gotik nach. Wie Dagmar Ewert-Kruse, Dr. Peter Braess und Friedrich Luyken gestern nach einer Kuratoriums- und Beiratssitzung mitteilten, wird das Modell in Kürze in die Verbands-Sparkasse am Berliner Tor umziehen. Dort wird es für jedermann sichtbar vermutlich an der Balustrade aufgehängt. Leicht genug ist das tonnenschwer aussehende Stück ja, sagte Ewert-Kruse. Außerdem soll es im Frühjahr an Ort und Stelle, Großer Markt 9, präsentiert werden.
Wein und Spenden
Die bei der Verkostung geöffnete Flaschen bietet Jacques Weindepot an der Schermbecker Landstraße als „Kochwein“ zum Mitnehmen an. Das ist verbunden mit der Bitte um eine kleine Spende für die Rekonstruktion des Historischen Rathauses. Gestern wurde die Spardose geleert: 200 Euro kamen zusammen.
Gemeinschaftsarbeit
Das Fenster soll als Grundlage für die Proportionierung aller weiteren Steine dienen. Von jeder Form wird es so ein Modell geben, bevor die Steinmetze an die Arbeit gehen. Sechs Monate Zeichen- und Kopfarbeit hat Prof. Deurer allein in das erste Stück investiert. Die Umsetzung war dann ein echtes Gemeinschaftswerk: Die Blumenformen im oberen Teil machte Christoph Hoppe (Schermbeck), Ex-Lehrling unter Karl-Heinz Baumann an der Weseler Dombauhütte und heute erster Bildhauer an der Kölner. Die steinmetzmäßige Arbeit leistete Klaus Gehrke, der 25 Jahre in der Weseler Hütte war. „Sandstein“ aus dem Styropor machte Malermeister Ingo Bülow, Brünen. Die Holzfenster steuerte der Weseler Fachbetrieb Biesemann bei, Gerüst und Beleuchtung die Firma Steinweg.
Dabei gab es nur dünne Grundlagen für Deurer. Eine Abbildung aus der „Zeitschrift für Bauwesen“ von 1897 und eine Fotografie waren alles Verwendbare – und eben nur zweidimensional. Fürs plastische Empfinden half ein einziger Stein aus dem Lager der Original-Reste in der Zitadelle (RP berichtete).
2010 in einem Zug errichten
Das Projekt selbst, so Friedrich Luyken, läuft nach Plan: Mitte Januar Ausschreibung, Mai / Juni Vergabe. Parallel werden die Gründung und der Fenster-Umbau im ersten Stock angepackt, ab April auch die Steine beschafft. 2010 wird die Fassade in einem Zug errichtet. Die Ausführung wird so gesplittet, dass auch lokale Handwerker Chancen haben, einen Auftrag zu bekommen.
Mittel von Stadt und Land stehen für 2009 und 2010 anteilig zum Abrufen bereit. Vom 50-prozentigen Eigenanteil der Bürgerstiftung (1,35 Millionen) sind bereits 1 047 500 Euro im Spendentopf. Das Fenster-Modell soll beim Sammeln helfen.
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