Wesel: Tasten-Romantiker flirtete im Dom
VON MARTHA AGETHEN - zuletzt aktualisiert: 21.01.2008Wesel (RPO). Einfach schön: Mädchen- und Mütterschwarm Richard Clayderman begeisterte sein Publikum mit Schmelz, Nostalgie und musikalischen Goldstücken mit orchestralem Zauber. Dafür erntete der Starpianist in Willibrord stehende Ovationen.
Da stand er nun leibhaftig mitten im Dom und flirtete das Publikum an: Richard Clayderman, Mädchen- und Mütterschwarm der 70er, genauso blond, charmant, höflich wie dazumal, als er mit „Ballade pour Adeline“ Furore machte und als Grenzgänger zwischen Klassik und Pop ein breites Publikum für Klavier interessierte. Inzwischen hat er 267 Goldene und 70 Platinschallplatten verkauft. Weltweit ein Star, hat er sich jedoch in Deutschland lange rar gemacht. Dafür spricht er jetzt Japanisch.
Erinnerungen
Kann irgendjemand diesen sympathischen 54-jährigen Jungen nicht mögen? Wieder strahlte er sein Publikum an, im Gepäck ein neuer Steingraeber-Konzertflügel. 580 Zuschauer fieberten dem Auftritt entgegen und dürften nach Hause gegangen sein im zufriedenen Bewusstsein: Clayderman ist immer noch derselbe. Manch einer mag sich an Schäferstündchen vor 30 Jahren erinnert haben oder träumte von einsamen Stränden und wiegendem Schilf.
Streicherinnen
Nicht nur Dekoration: Anni Khosroshvili (Violine), Annika Lützendorf (Viola), Phoebe Scott (Cello) begleiteten Clayderman als Streichertrio und bewiesen in Passagen ohne den Star ihre klassische Musikausbildung.
Stets griff Clayderman umwölkt von orchestralem Zauber aus der Retorte und den sahnigen Streicherklängen dreier junger Damen – ordentlich aufgeputzt mit Hall, so dass sie aus dem All herüberzuschweben schienen – in die Tasten. Begeistert erkannten die Leute alte Goldstücke in typischem Senneville-Sound, jener Komponist, der ihn berühmt machte. Dabei kam die zweifellos vorhandene pianistische Virtuosität – schließlich wurde er schon mit zwölf am Konservatorium aufgenommen – kaum ans Licht. Gemütlich zerlegte Akkorde, schwärmerische Läufe rieselten ihm sanft aus den Fingern, hin und wieder mit markantem, nachbohrendem Anschlag gespickt. Dazu flüsterte er eindringlich seinem Flügel zu. Schmelz, Romantik, Nostalgie. Deshalb waren die Leute auch gekommen.
Hier saß niemand, um ein anspruchsvolles Klavierkonzert zu hören. Brubeck, Vangelis, Bach und Webber, ein Schuss Flower-Power mit „Let the sunshine“. „Don‘t cry for me, Argentina“ wechselten mit Liszts „Liebestraum“, „Titanic“ und Chatschaturjans Säbeltanz – temperamentvoll in die Tasten geklopft. Billy Joels „Root beer rag“ fetzte gar toll, doch stets kultiviert und ohrenschmeichelnd.
Ab und an sprang der Entertainer vom Hocker und animierte zum Mitklatschen. Dazwischen schenkte er der Jugend Noten. Kurz vor Schluss streichelte er nochmals die Seelen mit Andrea Bocellis „Con te partiro“. Stehende Ovationen am Ende – das hatte man nicht anders erwartet. Auch wenn hier und da eins der Playbacks mit Bläsern, Chor oder Rhythmusmaschine ein klein wenig fehlgesteuert wirkte. Es war trotzdem einfach schön.
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