Wesel: Wie Alkohol Leben zerstört
VON KLAUS NIKOLEI - zuletzt aktualisiert: 08.02.2011Wesel (RPO). Seit zehn Jahren gehen Anonyme Alkoholiker in Schulen, um Schülern in Zeiten des "Komasaufens" über die Gefahren des Alkohols zu berichten. Gestern waren Alfred, Hannelore und Inge in der Duden-Realschule.
Wenn Alfred von den Anonymen Alkoholikern (AA) von Weseler Schulen eingeladen wird, um von seinem Leben als "trockener Alkoholiker" zu berichten, ist ihm ein aufmerksames Publikum gewissen. Denn Rentner Alfred ("Ich habe seit 16 Jahren keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken") versteht es, junge Zuhörer in Zeiten des "Komasaufens" in seinen Bann zu ziehen und mit Fakten zu beeindrucken. "3,5 bis vier Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholkrank, nochmals sechs Millionen haben mit Alkoholismus zu tun. Und jährlich sterben 75 000 Menschen an Alkohol – Wesel praktisch ausgelöscht oder das Schalke-Stadion leer." Die Siebtklässler des Neigungsfachs Biologie an der Konrad-Duden-Realschule sind sichtlich beeindruckt. Das hätte keiner von ihnen gedacht.
In Klinik eingeliefert
Im Kreis Wesel steigt die Zahl jugendlicher Komasäufer weiter an. 2009 kamen nach Informationen der DAK 153 Jugendliche (plus 14,2 Prozent) mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus.
Schnaps in der Wohnung versteckt
Der Einladung von Anne Schick, die im Unterricht das Thema Süchte beleuchtet (Nikotin, Drogen, Magersucht, Bulimie), sind gestern nicht nur Alfred, sondern auch Hannelore und Ilse gefolgt. Die beiden freundlichen Seniorinnen erzählen offen über ihre Lebens- und Leidensgeschichte. Hannelore, Tochter eines Trinkers, ist 14, als sie nach Feierabend selbst zum Bier greift – so wie ihr Vater auch, dem öfter mal die Hand ausgerutscht ist. "Ich bekam keine Liebe, musste mich um meine vier jüngeren Geschwister kümmern. Da habe ich gemerkt, dass nach zwei bis drei Bier alles viel leichter zu ertragen ist." Als sie 18 ist, genehmigt sie sich zum Bier immer öfter auch Schnaps. Der junge Mann, den sie später heiratet, ist ebenfalls dem Alkohol verfallen. "Wir haben täglich zu Hause getrunken. Am Ende war es so schlimm, dass ich im ganzen Haus Schnapsflaschen versteckt habe." Sie wird krank, macht eine Therapie, lässt sich scheiden und schließt sich den Anonymen Alkoholikern an. Seither ist sie "trocken" und weiß, "dass man auch ohne Alkohol prima feiern kann."
Auch Ilse wächst als Kind eines "Säufers" auf – und leidet darunter. "Ich habe immer erzählt, wie schön und harmonisch unser Familienleben ist, habe gelernt zu lügen, weil ich mich so geschämt habe für meinen Vater." Als junge Frau heiratet sie einen Alkoholiker. "Weil der Mensch Dinge sucht, die ihm bekannt vorkommen." Sie lässt sich scheiden. Doch sie wird geplagt von Gewissensbissen. Hilfe erhält sich beim Verein Al Anon, in dem sich Angehörige von Alkoholikern austauschen und Hilfe erhalten. Beifall der Schüler brandet auf.
"Wichtig ist", sagt Alfred am Ende, "dass Ihr, solltet Ihr in Eurem Leben Probleme mit Alkohol oder Kontakt zu Alkoholikern bekommen, wisst, dass es Hilfe gibt."
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