Fußball: HSV wagt den nächsten Schritt
VON DANIEL BRODHUHN - zuletzt aktualisiert: 23.06.2012Fußball (RP). Der Hamminkelner SV, der seit Jahren in erster Linie auf den eigenen Nachwuchs setzt, hat zuletzt mit einer wahren Transfer-Offensive überrascht. Der Aufstieg ist für den Bezirksligisten deshalb aber noch lange kein Thema.
Norbert Schmiedner genießt die fußballfreie Zeit aktuell mit seiner Familie an der Ostsee. Der Trainer des Fußball-Bezirksligisten Hamminkelner SV versucht dort ein wenig abzuschalten. Die vergangenen Wochen waren enorm stressig. Zwar musste der HSV nicht wie die Hälfte der Mannschaften in der Liga noch bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt zittern. Dagegen stand bis zum Schluss aber jede Menge Überzeugungsarbeit an. Und zwar bei potenziellen Neuzugängen. "Das war das Aufwendigste, was ich in meinen 15 Jahren als Trainer mitgemacht habe. Doch es hat sich gelohnt", meint der Trainer. In der Tat haben Schmiedner, Fußball-Obmann Walter Kinder und dessen Nachfolger Dirk Heikapell, der sportlicher Leiter beim HSV wird, in den letzten Monaten ganze Arbeit geleistet.
Heikapell hört auf
Den sechs neuen Spielern stehen nur zwei Abgänge gegenüber. Kevin Bennewirtz studiert in Halle und möchte sich dort einen neuen Verein suchen. Und Dirk Heikapell will sich ab sofort ganz auf seine neue Aufgabe als sportlicher Leiter konzentrieren. "Ich werde mich fit halten. Es ist aber nicht geplant, dass ich noch für die erste Mannschaft auflaufe", sagt Heikapell, der sich in seiner neuen Rolle beim HSV vor allem vorgenommen hat, die Zusammenarbeit zwischen allen vier Senioren-Teams zu verbessern.
Seit Jörg Gonschior den Verein trainierte und diesen in kürzester Zeit von der Kreisliga B bis in die Bezirksliga führte, galt beim Hamminkelner SV die Devise, in erster Linie auf den eigenen Nachwuchs zu setzen – damit ist nun vorerst Schluss. Mit dem Start der Saison 2012/13 beginnt beim HSV eine neue Zeitrechnung. In Firat Samhal (SV Bislich), Price Mowa (SV Rees), Kadir Güzel (VfL Rhede), Tom Klump, Carsten Bossow und Daniel Schild (alle PSV Wesel) wurden insgesamt sechs externe Neuzugänge verpflichtet. Ein, zumindest für den Hamminkelner SV außergewöhnliches, weil bisher nicht gekanntes Ausmaß. "Es stimmt, wir schlagen einen neuen Weg ein. Die Philosophie auf junge Leute zu setzen, verlieren wir aber nicht aus dem Auge. Doch wir haben in der vergangenen Spielzeit gesehen, dass aufgrund von Verletzungen immer wieder Engpässe entstehen können. Wir wollen ja auch gewisse Ansprüche erfüllen", erklärt Dirk Heikapell.
Sein Vorgänger, der die Geschicke bis Ende Juni noch kommissarisch leitet, ist mit ihm in diesem Punkt einer Meinung. "Wir wollten unseren gestandenen Spielern die Perspektive bieten, auch in Zukunft mit dem HSV in der Bezirksliga zu spielen. Da aus der eigenen Jugend momentan nicht allzu viel Qualität nachkommt, haben wir uns zu diesem Schritt entschlossen", sagt Walter Kinder, der sich mit diesem Satz aber möglicherweise ein ungewolltes Eigentor geleistet hat.
Denn objektiv betrachtet dürfte der HSV mit dem neuen Kader eigentlich nicht mehr lange in der Bezirksliga spielen. Wer sich gestandene Akteure wie Kadir Güzel, Daniel Schild oder Carsten Bossow ins Team holt, der muss mit der Tatsache leben, künftig zum Kreis der Aufstiegsanwärter gezählt zu werden. Dies kann man aus den Worten der Verantwortlichen aber maximal zwischen den Zeilen heraushören. "Wir waren in der letzten Saison Vierter. Daher wäre es natürlich Quatsch zu sagen, dass wir in der nächsten Saison Fünfter oder Sechster werden wollen", meint Heikapell. "Wir müssen die neuen Spieler erst einmal ins Team integrieren. Wenn uns das schnell gelingt, können wir uns sicherlich im oberen Tabellendrittel behaupten", drückt es Kinder noch ein wenig vorsichtiger aus.
Etwas offensiver geht nur der Trainer an die Sache heran. "Ich möchte von Anfang an oben mitspielen. Der Aufstieg ist kein Muss für uns. Wir werden durch die Neuzugänge aber viel mehr Qualität im Kader haben", meint Schmiedner, der zwar mit dem Mythos aufräumt, dass in Hamminkeln nach wie vor kein Geld gezahlt würde, den Verein in diesem Bereich aber immer noch auf dem richtigen Weg sieht. "Natürlich gibt es bei uns mittlerweile Fahrtgeld und auch eine Siegprämie. Aber das ist alles immer noch sehr überschaubar, was man bei uns verdienen kann. Und so sollte das auch bleiben."
In dem Führungstrio um Kinder und Heikapell ist der Coach zwar derjenige, der auf die kürzeste persönliche HSV-Vergangenheit zurückblicken kann. Der Verdacht, der Wunsch nach einem Umschwung in der Vereinsphilosophie könne deshalb seinen Gedanken entsprungen sein, ist aber unbegründet. "Ich bin beim HSV angetreten, um attraktiven Fußball zu spielen und Erfolg zu haben. Der Ruf nach Neuzugängen kam aber aus der Mannschaft. Unsere Leistungsträger wollen etwas erreichen und haben uns deshalb darauf aufmerksam gemacht. Ich hätte vom Verein nie verlangt, dass er seinen Kurs ändert", betont Norbert Schmiedner.
Er freut sich nicht nur über seine mündigen Spieler. Der Coach geht auch davon aus, dass eben jene Leistungsträger, den neuen Spielern den Einstieg bei ihrem neuen Club erleichtern werden. Die Gefahr, der Kern der Mannschaft, der schon seit Kreisliga B-Zeiten zusammenspielt, könne sich durch die Neuzugänge eingeengt fühlen, sieht er nicht. "Im Gegenteil. Es wird den Konkurrenzkampf richtig befeuern", glaubt Schmiedner.
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