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Zu Gast bei alten Hanseaten

VON FRITZ SCHUBERT - zuletzt aktualisiert: 16.08.2006 - 12:11

„Vesalia hospitalis” - gastliches Wesel. Den Ehrennamen bekam die Stadt 1578 verliehen, weil sie niederländische Glaubensflüchtlinge beherbergt hatte. Dem Anspruch, guter Gastgeber zu sein, fühlt sich Wesel bis heute verpflichtet. Die günstige Lage am Zusammenfluss von Rhein und Lippe hat die Entwicklung der Stadt maßgeblich beeinflusst.

Das Berliner Tor in der Innenstadt.  Foto: Stadt Wesel
Das Berliner Tor in der Innenstadt. Foto: Stadt Wesel

Im Guten wie im Schlechten: Einerseits füllte Handel die Kassen, andererseits war die Lage von militärischer Bedeutung. Schon die Karolinger gründeten hier einen Königshof. Stadtrechte erhielt Wesel 1241. Als Mitglied der Hanse ab 1407 wurde Wesel zum wichtigsten Handelsplatz zwischen Köln und Rotterdam. Dem Geld folgte Kunst. Im späten Mittelalter wurde Willibrord zur fünfschiffigen Kirche ausgebaut. Mit dem spätgotischen Rathaus kam ein profanes Gegenstück an den Großen Markt.

Während der Dom nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde, blieb das Rathaus als zweites Wahrzeichen verschwunden. Die Bürgerinitiative Historisches Rathaus hat am Hansetag 2007 den Grundstein für die Rekonstruktion der Fassade am Markt gelegt. Spanier, Niederländer, Franzosen sie alle haben im Zuge zahlreicher Auseinandersetzungen ab etwa 1600 in Wesel Spuren hinterlassen. Ende des 17. Jahrhunderts wurde Wesel zur größten Festungs- und Garnisonsstadt der Preußen am Rhein.

Der Badestrand am Auesee lädt zur Erholung ein. Foto: Stadt Wesel

Das zeigt sich heute in den wenigen Bauten, die das Bombardement der Alliierten 1945 überstanden haben: Berliner Tor und Zitadelle sind die markanten Zeugen der Festungsgeschichte, zugleich Symbole des Entwicklungsstopps. Erst in den 1890er Jahren wurden militärischen Anlagen geschleift, und die zivile Stadt konnte sich ausbreiten. Das änderte nichts daran, im Februar 1945 bevorzugtes Angriffsziel zur Vorbereitung des Rheinübergangs der Alliierten zu werden. Wesel wurde zu 97 Prozent zerstört. Der Wiederaufbau war vom Zuzug vieler Flüchtlinge und Vertriebener begleitet.

Wesel verdiente sich seinen Ehrennamen Vesalia hospitalis ein weiteres Mal. Heute ist Wesel mit rund 64 000 Einwohnern eine Kreisstadt mitten im Grünen, die im strukturellen Wandel auch auf Landschaft und Natur setzt. Alle Schul- und Weiterbildungsformen sind am Ort vorhanden. Wesel ist Studienzentrum der Fernuniversität Hagen. Darüber hinaus gibt es die Volkshochschule sowie die Musik- und Kunstschule, zwei Krankenhäuser, Altenheime und -tagesstätten, Kindergärten und Jugendfreizeitheime, das Städtische Bühnenhaus, die Stadtbücherei mit einem Angebot von rund 100 000 Medien, das Städtische Museum Galerie im Centrum, das Heimat- und Rhein-Deich-Museum in Bislich sowie das Städtische Museum, Abteilung Schill-Kasematte, in der Zitadelle, wo seit Dezember 1998 im Körnermagazin das Preußen-Museum NRW die Attraktion ist.

Neuen Schub für den Wirtschaftsstandort Wesel und die gesamte Region verspricht der jüngst gestartete Bau der neuen Rheinbrücke. Wichtigste Unternehmen, Arbeitgeber beziehungsweise Wirtschaftssparten sind neben Behörden wie Kreisverwaltung, Kreispolizeibehörde und Bundeswehr, der gesamte Gesundheitssektor sowie Byk Chemie und Sanitärhersteller Keramag. Tourismus und Freizeit gewinnen am idyllischen Niederrhein zunehmend Gewicht, denn der Ehrenname bleibt Programm: Vesalia hospitalis.


 
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