Xanten: Das antike Pilgerzentrum
VON HEINZ KÜHNEN - zuletzt aktualisiert: 18.06.2008Xanten (RPO). Auf den Höhen bei Kalkar lag früher ein Heiligtum der germanischen Göttin Vagdavercustis. Mehr als 1800 Funde, die im RömerMuseum erstmals gezeigt werden, zeugen von der Bedeutung der Pilgerstätte auch für die Römer.
Das Zentrum
Das Pilgerzentrum bestand aus vier Gebäuden, von denen eins außerhalb der Umfriedung angelegt worden war.
Die Archäologen legten zudem einen äußeren, fast rechteckig verlaufenden Umfassungsgraben fast vollständig frei.
Der Graben stammt bereits aus dem 1. Jahrhundert nach Christus, wurde mehrfach erweitert und erneuert.
Die germanische Göttin Vagdavercustis verkörpert die kriegerischen Tugenden – das germanische vagda entspricht dem lateinischen virtus.
Xanten/Kalkar Pilgern ist angesagt. Allein 100 000 Deutsche werden in diesem Jahr auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela erwartet. Kevelaer ist der Wallfahrtsort am Niederrhein schlechthin. Und wer dort die Gaben in der Gnadenkapelle sieht, der weiß Bitte und Dankbarkeit der Menschen zu schätzen.
Auch im Altertum gab es derartige Stätten. Das Orakel von Delphi dürfte in diese Kategorie fallen. Und – Kalkar. Oben auf den Hügeln gab es zu Römerzeiten eine vielbesuchte Pilgerstätte. Mehr als 1800 Fundstücke beweisen, dass es sich um einen für Niedergermanien bedeutenden Tempelbezirk gehandelt haben muss – für eine einheimische, germanische Gottheit. Die Funde werden im neuen RömerMuseum erstmals ausgestellt.
Entdeckung eines Sondengängers
Die Entdeckung des Tempels ist einem Sondengänger zu verdanken. Hunderte von Münzen hatte der Privatmann bereits gesammelt. Die wollte er nun an ein Museum abgeben, erklärte er 1999. Und trat damit eine Welle los. Karten und Luftbilder wurden neu ausgewertet, neue Aufnahmen aus der Luft gemacht, Messungen am Boden. Im Jahr 2004 schritten die Mitarbeiter der Außenstelle Xanten der Rheinischen Bodendenkmalpflege Bonn unter der Leitung von Dr. Julia Obladen-Kauder dann zur Tat. In mehreren Kampagnen wurden die Überreste eines Pilgerzentrums freigelegt.
Eines Zentrums, das nicht rein römischen Ursprungs ist, sondern, wie die Wissenschaftler sagen, gallo-römisch. Der Tempel zum Beispiel bestand aus einem Haus mit umgebendem Säulengang samt gemeinsamem Dach. Der Innenanstrich war offensichtlich knallrot. Daneben konnte es bei solchen Heiligtümern weitere Gebäude geben, ein Schatzhaus zum Beispiel und Gebäude, in denen die Pilger übernachteten, erklärt Dr. Dirk Schmitz vom Archäologischen Park Xanten. Wobei, so der Archäologe weiter, sich die Geschehnisse rund um die Pilgerstätte durchaus mit heutigen Wallfahrts-Gepflogenheiten vergleichen ließen. Im „Hochbetrieb” während des zweiten und dritten Jahrhunderts nach Christus dürften Menschen von Nah und fern nach Kalkar gereist sein, um der einheimischen, germanischen Tapferkeitsgöttin Vagdavercustis zu huldigen.
Der Paradehelm
Dass es einen derartigen Kult gab, war bekannt. „Durch die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen von der Rheinischen Bodendenkmalpflege in Xanten wissen wir jetzt sogar, wo die Göttin verehrt wurde”, sagt Dr. Dirk Schmitz. Und keinesfalls nur von Germanen. Dorthin pilgerten auch Soldaten der 30. Legion. Und die lag in Xanten. Möglicherweise haben sie in Kalkar auch übernachtet und an einem zeremoniellen Trankopfer teilgenommen. Jedenfalls wurden Reste von bronzenem Trinkgeschirr und Hunderte von Tonkrügen gefunden. Daneben die Haarlocke eines Paradehelms. Einen derartigen Fund gab es bislang nicht am Niederrhein. Jetzt ist solch ein derartiges Stück erstmals auch in Niedergermanien belegt.
Teile einer lebensgroßen, vergoldeten (Kaiser-)Staue, Möbelbeschläge, Bronzestatuetten: „Zu solchen Stätten brachte man Geschenke für die Gottheit mit, vielleicht konnte man dort auch Souveniers erwerben”, erklärt der 38-Jährige. In dem eingezäunten Bezirk habe man vermutlich auch Verpflegung kaufen können. Und es herrschte reger Verkehrsbetrieb. Jedenfalls wurden zahlreiche Teile von Wagen gefunden.
Dass auch Römer einer germanischen Gottheit huldigten, sei keineswegs ungewöhnlich, sagt Schmitz. Wie die Germanen brauchten auch die Römer halt Götter für jeden Anlass. Lediglich die Trias – Jupiter, Juno und deren Tochter Minerva – als oberste Gottheiten mussten akzeptiert werden. Von ihnen hing das Wohl und Wehe des gesamten Staats ab. Wer sich dem widersetzte, stellte sich außerhalb der Gesellschaft.
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