Xanten: Die Lust, sich müde zu arbeiten
VON JOSEF POGORZALEK - zuletzt aktualisiert: 29.10.2009Xanten (RPO). Die Caritas Moers-Xanten stellte ein Beschäftigungsprojekt in Lüttingen vor. Dort pflegen Langzeitarbeitslose, Obdachlose und andere Menschen mit "sozialen Problemen" für die Kirchengemeinde Grünanlagen.
lüttingen Mike Hirsch setzt die Säge an und bringt die Hecke auf dem Lüttinger Friedhof in Form. "Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Hintern hoch gekriegt hab", sagt er. Aber jetzt, da möchte er diese Arbeit nicht mehr missen. Sie hilft dem 35-Jährigen, wieder Tritt zu fassen im Leben. Vor drei Jahren wurde der gelernte Schreiner arbeitslos, danach obdachlos, schließlich perspektivlos. Die Wende kam über ein Gespräch bei der ARGE: Die Hartz-4-Stelle vermittelte Hirsch im Juni in ein Beschäftigungsprojekt des Caritasverbandes Moers-Xanten: eine zwölfköpfige Truppe, die seit einigen Jahren das Grün rund um die St.-Pantaleonkirche Lüttingen pflegt, Laub fegt, das Kindergartengelände und den Friedhof in Schuss hält. Dieses Projekt stellte der Caritasverband gestern Gästen vor. Ein Beispiel, mit dem die Caritas auf ihre Jahreskampagne 2009 hinweist, in deren Mittelpunkt "Menschen am Rande" stehen.
Rundreise
Zu den Gästen in Lüttingen zählten gestern unter anderem Frauen der Caritas-Konferenz Xanten sowie vom Diözesancaritasverband Münster Domkapitular Dieter Geerlings (Vorsitzender), Heinz-Josef Kessmann (Direktor) und Dr. Ulrich Thien (Referatsleiter "Soziale Arbeit", die bei einer Rundreise mehrere Projekte am Niederrhein kennenlernten.
Die Lebensläufe der Kollegen von Mike Hirsch – die meisten sind Mitte 20 bis Mitte 40 – ähneln den seinen: oft keine Ausbildung, keine Arbeit, keine Wohnung, keine Familie, oft auch keine Ausbildung. Es gehe nicht nur darum, die Erwerbsfähigkeit dieser Gestrauchelten wiederherzustellen, so Hans-Joachim Karth, der das Projekt von Seiten der Caritas leitet. Wichtig sei auch die persönliche Entwicklung der Teilnehmer, das Selbstwertgefühl, das sie gewinnen: "Sie erleben sich als produktive, wertvolle Menschen, nicht nur als Schmarotzer, die auf Kosten der Gesellschaft leben." Vor allem deshalb sei die "Bezahlung" der Arbeit – es handelt sich um "1,50-Euro-Jobs" – für viele zweitrangig. "Es gibt nur sehr wenige, die sagen: Für das Geld gehe ich nicht arbeiten", berichtete Karth. Er verschwieg aber auch nicht, dass es manchmal schwer sei, die Männer, die teils Jahre lang planlos vor sich hin lebten, an einen strukturierten Arbeitstag zu gewöhnen. Aber die Erfahrungen seien gut; es gebe nur wenige Fehlzeiten. Typisch die Bemerkung eines zufriedenen Teilnehmers, von dem Karth erzählte: "Er sagte: Wenn ich abends aus Lüttingen nach Hause komme, dann weiß ich, warum ich müde bin."
"Dritter Arbeitsmarkt" fehlt
Bis Ende des Jahres ist der Vertrag von Mike Hirsch befristet. Er hofft, dass er um ein weiteres halbes Jahr verlängert wird. Die Chancen sind wohl gut, in der Regel bleiben die Teilnehmer ein ganzes Jahr bei der Caritas. Und dann? Karth zeigte sich zuversichtlich, dass für Hirsch eine Stelle auf dem "ersten Arbeitsmarkt" gefunden wird. Immerhin vier bis fünf der Teilnehmer könnten jährlich in andere Arbeitsverhältnisse gebracht werden. Es könnten vielleicht mehr sein, wenn es nur genug passende Jobs gäbe. Es fehle ein "dritter Arbeitsmarkt für gering Qualifizierte", bemängelte Henric Peeters, Geschäftsführer der Caritas Moers-Xanten. Das Lüttinger Projekt zeige: "Es liegt nicht an den Menschen, dass sie nicht arbeiten, sondern an den fehlenden Rahmenbedingungen."
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