Xanten: Die ruhigen Stunden ausgenutzt
VON BIRGIT LAMEYER - zuletzt aktualisiert: 12.10.2006Xanten (RPO). Über acht Jahre lang sollen in Xanten zwei Mädchen von ihrem Großonkel missbraucht worden sein. Die Staatsanwaltschaft spricht von 49 Fällen, die Opfer von mehreren hundert.
Angeklagter stritt ab
Der 77-jährige Angeklagte stritt die Vorwürfe gleich zu Beginn der Verhandlung ab, wollte sich ansonsten aber nicht zu den Beschuldigungen äußern.
Die Verhandlung wird am kommenden Donnerstag mit weiteren Zeugen fortgesetzt.
Über acht Jahre lang sollen in Xanten zwei Mädchen von ihrem Großonkel immer wieder missbraucht worden sein. Seit gestern muss sich der mutmaßliche Täter wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 49 Fällen vor der auswärtigen Strafkammer des Landgerichts Kleve in Moers verantworten. Die Opfer sprachen sogar von mehreren hundert Fällen.
Keine Gelegenheit ausgelassen
Fast regungs- und kommentarlos hörte der Angeklagte den Zeugen stundenlang zu. Detailliert beschrieb dagegen eines der Opfer, was der Mann ihr angetan haben sollte. Fast an jedem Wochenende habe sie bei ihrer Oma in Xanten schlafen dürfen. Immer wenn ihr Großonkel über Nacht zu Gast gewesen sei, habe er die ruhigen Morgenstunden ausgenutzt, um sich dem Kind zu nähern. Dann habe er sie an der Hand zum Gästebett gezogen und ihr in die Hose gegriffen.
Auch sonst schien der Großonkel nach Schilderung der jungen Frau keine Gelegenheit ausgelassen zu haben. Einmal habe er ihr während einer Autofahrt an einer roten Ampel zwischen die Beine gegriffen. Danach gab es – wohl als Schweigegeld – eine Tüte Bonbons. Ein anderes Mal soll sie bei dem Großonkel und seiner Frau mit im Ehebett übernachtet haben, wobei nicht einmal die schlafende Ehefrau ihn von den Übergriffen abgehalten hätte. Sogar als sie drei Wochen in Xanten im Krankenhaus lag, habe er nicht davor zurückgeschreckt, unter die Bettdecke zu fassen. Erst als sie älter wurde,versuchte sie sich ganz bewusst, dem Mann zu entziehen, erinnerte sie sich.Über die Folgen, die der jahrelange Missbrauch etwa ab dem fünften Lebensjahr bei ihr ausgelöst hatte, berichtete sie ausführlich: eine Abneigung gegen ältere Männer, Depressionen, Essstörungen. Erst seit einer einjährigen Therapie könne sie über die Vergangenheit reden und wolle, dass der Mann bestraft werde.
Zweifel gehabt, ob man ihr glaubt
Genau beschrieb die junge Frau auch ihre Ängste, die sie als Kind gehabt habe. Der Mann habe gedroht, sie müsse ins Heim, wenn sie jemanden etwas erzähle; auch habe sie nicht gewusst, ob ihr jemand glauben würde. Denn in der Verwandtschaft sei dem Großonkel schon von anderer Seite sexueller missbrauch vorgeworfen worden, das habe allerdings niemand geglaubt. Offenbart hatte sie sich daher niemandem. Auch ihre ältere Schwester erklärte gestern vor Gericht, ähnliche Übergriffe erduldet zu haben. Erst nachdem sie volljährig geworden waren, fanden beide den Mut, den Mann anzuzeigen.
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