Xanten: Ein "Feuertanz"
VON RICHARD LUCAS-THOMAS - zuletzt aktualisiert: 07.08.2010Xanten (RPO). In Überlegungen zur Neuregelung der Unterstützung von Kindern von Hartz-IV-Empfängern ist eine sogenannte Gutscheinregelung ins Gespräch gekommen. Die Ansichten sind geteilt, wie eine RP-Umfrage ergab.
Alles, was den Anschein von Diskriminierung erweckt, ist bedenklich", kommentiert Harold Ries, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Xanten, die angestrebte Gutscheinregelung im Gespräch mit der RP. Er sieht in dieser Regelung einen "pauschalen Verdacht, dass Leute nicht mündig mit Geld umgehen können". Besser wären offene Angebote für Kinder in Vereinen oder Institutionen. Die Kolpingsfamilie kooperiere mit einer Grundschule und beispielsweise mit dem Tennisclub Xanten. "Und wenn wir im nächsten Jahr unsere Familienfreizeit planen, dann schaffen wir auch Plätze für Familien, die sich das nicht leisten können. Um deren Kostenbeitrag niedrig zu halten, machen wir unsere Aktionen."
In eine ähnliche Kerbe schlägt Heinz Roters, Schulleiter der Viktor-Grundschule: "Das Thema ist ein Feuertanz. Eine Wohlstandsgesellschaft muss damit leben, dass es auch bei Hartz IV zu Missbrauch kommen kann. Es gibt aber Familien, die selbstständig entscheiden können. Was jetzt angedacht wird, ist ein Herumdoktern an Symptomen." Für Roters wird es Zeit, "dass die durchgängige Ganztagsschule von acht Uhr bis 16 Uhr kommt". Darin sei alles für alle abgedeckt. "Die Schule hat einen Topf, aus dem die Hilfen finanziert werden. In Europa gibt es die richtige Ganztagsschule bereits. Wir können es uns nicht mehr leisten, auf diese Schulform zu verzichten." Aktuell plädiert der Schulleiter dafür, dass Institutionen die Möglichkeiten zur Hilfe beispielsweise an Schulen gegeben werden. Seine Schule arbeite eng mit der Kolpingsfamilie zusammen.
Barbara Schnickers, Präsidentin des Rotary Clubs in Xanten, hält die Gutscheinlösung "grundsätzlich nicht für verkehrt". Es gehe darum, dass Leistung für Kinder auch bei den Kindern ankomme. "Wenn mehr Geld ausgezahlt wird, dann ist die Gefahr groß, dass es im Haushalt und für andere Dinge als Musik- oder Sportunterricht eingesetzt wird." Grundsätzlich spricht sie sich für einen Testlauf für die Gutscheinregelung aus.
Joachim Wefers, evangelischer Pfarrer in Xanten und Superintendent im Kirchenkreis Kleve, ist bei der Gutscheinrelegung skeptisch: "Das ist eine erneute Diskriminierung und ein Generalverdacht gegen Empfängerfamilien von Hartz IV. Das finde ich gar nicht gut." Er befinde sich mit dieser Wertung in guter Gesellschaft mit der bayerischen Sozialministerin. Es müsse jetzt abgewartet werden, wie die Bundesregierung die vom Verfassungsgericht gestellte Aufgabe nach Neuberechnung der Regelsätze erfüllt. "Diese Grundlage will ich erst einmal sehen." Möglicherweise gebe es auch andere Wege: Überall dort, wo ein Verdacht auf Missbrauch bestehe, könnten Zielvereinbarungen mit den Eltern der Kinder abgeschlossen werden. Ein solches Ziel wäre dann der Musikschulunterricht – "und das Geld wird direkt an die Musikschule gezahlt".
Adrian Thyssen, Präsident der Xantener Lions, sieht das Thema zwiespältig. Thyssen: "Der Gutschein garantiert, dass das Geld ankommt – bei den Kindern. Aber die Gefahr der Diskriminierung ist nicht von der Hand zu weisen. Ein pauschaler Verdacht gegen Familien in Hartz IV gefällt mir auch nicht." Thyssen glaubt, dass es auch Wege gibt, um benachteiligte Kinder zu fördern: "Beispielsweise über ein Stipendium als eine Art Belohnungssystem an den Schulen. Dann entsteht erst gar nicht das Stigma der Bedürftigkeit."
Gerdrud Remers aus Xanten befürwortet eine Gutscheinregelung: Es gehe ihr nicht um Fälle, in denen das Geld missbräuchlich verwendet werde. In jedem Haushalt, der knapp bei Kasse sei, müsse alles Geld nun einmal für alle herhalten. Da würden Investitionen in die Bildung der Kinder naturgemäß hintangestellt. "In diesen Fällen helfen nur gezielte Förderungen."
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