Xanten: Junge Ärzte kommen nicht
VON RICHARD LUCAS-THOMAS - zuletzt aktualisiert: 02.12.2010Xanten (RPO). Xanten bald ohne Kinderarzt? Zum Jahresende schließt Dr. Beate de Fries ihre Praxis. Die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin zieht sich vom Fachgebiet der Kinderheilkunde zurück. Ein Nachfolger steht noch nicht fest.
Junge Ärzte zieht es nicht in die Selbstständigkeit aufs Land – soweit das Fazit, das Beate de Fries nach einem halben Jahr intensiven Werbens um einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zieht. Sie war schon an der Praxisbörse, hat über 70 Fachkolleginnen oder -kollegen angeschrieben und sogar für eine Halbtags- oder Zweitpraxis geworben. "Doch die jungen Leute bleiben lieber an den Kliniken."
Viele waren auch schon hier, waren angetan – "und sagten dann doch ab". Über die Gründe möchte die Xantener Kinderärztin nicht spekulieren. "Am Finanziellen kann es nicht liegen; die Praxis läuft gut." Sie selber wäre sogar zu Konzessionen bei der Praxisübernahme bereit gewesen. "Denn als Kind dieser Stadt ist der Gedanke, keinen Kinderarzt in Xanten zu haben, nicht vorstellbar." Ab dem 31. Dezember wird er's – "sollte sich nicht doch noch eine plötzliche Lösung ergeben".
Neuer Arbeitsschwerpunkt
Dabei denkt Beate de Fries (59) selber noch lange nicht ans Aufhören. "Ich bleibe weiterhin in Vollzeitbeschäftigung – nur nicht mehr als Kinderärztin." Die Medizinerin erfüllt sich einen Wunsch und wird sich Mitte Februar des neuen Jahres in der Etage oberhalb der heutigen Kinderarztpraxis als ärztliche Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche niederlassen. "Das wollte ich schon immer. Außerdem zählen Diagnostik und Therapie bei Kindern mit Entwicklungs-, Lern- und Verhaltensstörungen heute schon zu meinen wesentlichen Schwerpunkten als Kinderärztin."
Doch mit den Jahren sei sie mit immer mehr Problemfällen dieser Art konfrontiert worden. "Ich habe einfach nicht mehr die Zeit gefunden, beides – Pädiatrie und Psychotherapie – gleichermaßen verantwortungsvoll auszuüben." Insbesondere die ärztliche Psychotherapie für Kinder und Jugendliche erfordere wegen der engen Zusammenarbeit mit Eltern, Kindergarten oder Schule einen Zeitaufwand, "der selbst bei großem Arbeitseinsatz" in der doppelten Funktion nicht zu schaffen ist. Denn: "Es ist nicht damit getan, zum Beispiel ADHS-Kinder nur im Ansatz mit Medikamenten zu behandeln."
Dass die Arbeit für die ärztliche Psychotherapeutin immer mehr wird, umschreibt Beate de Fries mit "Problem der modernen Welt" – soll heißen: Gesellschaftliche und familiäre Struktur verblassen und werden überlagert von anderen Reizüberflutungen. "Da ist immer eine Kombination medizinischer und sozialer Faktoren zu beachten." Ein Fachgebiet, auf das sich Beate de Fries bereits gerne als jüngere Frau konzentriert hätte. "Doch ich musste ganz schnell in die Praxis meines Vaters einsteigen, weil der erkrankte."
Sitz wurde frei
Dass sie sich jetzt relativ zügig für die Verwirklichung ihre alten medizinischen Wunsches entschied, hängt übrigens auch mit einer Drucksituation zusammen. "Gerade jetzt ist im Kreis Wesel der einzige Sitz für die ärztliche Psychotherapie für Kinder und Jugendliche frei geworden. Da musste ich mich entscheiden, denn in ein paar Jahren hätte ich das sicherlich nicht mehr getan."
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