Xanten: Kritik: Die Jungs abgehängt
VON RICHARD LUCAS-THOMAS - zuletzt aktualisiert: 23.04.2010Xanten (RPO). Girls' Day – gestern schwärmten die Mädchen aus in Männerberufe. Für die Jungen standen Hausarbeiten auf dem Programm. Doch Pädagogen sehen das kritisch; Putzen und Bügeln sei nicht das, was Jungs jetzt bräuchten.
Xanten / Sonsbeck "Für mich ist das eine karnevalistische Veranstaltung", sagt Heinz Roters. Der Rektor der Gemeinschaftsgrundschule (Viktorschule) in Xanten, der früher selber als Hauptschullehrer gearbeitet hat, hätte sich heute "einer solchen Initiative verweigert". Denn: "Jungs brauchen mehr. Die gezielte Förderung der Mädchen ist wichtig und richtig, aber inzwischen hinken die Jungs in der Entwicklung überall hinterher. Da müssen jetzt ganz andere Sachen laufen als Unterweisung in Bügeln und das Wechseln von Windeln. Das hat nichts mit dem Erziehungsziel zu tun, Menschen in ihrer Persönlichkeit ernst zu nehmen." Unter "ganz andere Sachen" nennt der Pädagoge beispielsweise die Stärkung von Kultur-, Kommunikations- und Friedensfähigkeiten.
Zwei Wege
Girls' Day: Aus organisatorischen Gründen beteiligt sich die S'Groten-Schule in diesem Jahr nicht daran. Die Mädchen der beiden 8. Klassen werden mit der IHK im Juni einen Einblick in eine Maschinenbaufirma in Wesel erhalten.
Reflexive Koedukation: Die Sonsbecker S'Grooten-Schule setzt auch im Ganztagsbetrieb verstärkt auf die Förderung der Jungen.
Auch eine Ursache der Fehlentwicklung bei den Jungen ist nach Roters Einschätzung, dass Erziehung inzwischen nur noch reine Frauensache ist. "In der Familie, in den Kindertageseinrichtungen und an den Grundschulen sind in der Regel ausschließlich Frauen für die Erziehung und Bildung zuständig. Es gibt zu wenige Vaterbilder." Mit verantwortlich dafür sei die vergleichsweise geringe Bezahlung im Erziehungsbereich und an den Grundschulen.
Sehr kritisch wird die Entwicklung auch von Angelika Platzen, Rektorin der S'Grooten-Hauptschule in Sonsbeck, bewertet: "Bei der Förderung der Mädchen sind die Jungen auf der Strecke geblieben."
"Versäumnis über Jahrzehnte"
An der S'Grooten-Hauptschule wurde inzwischen damit begonnen, in verschiedenen Fächern (Hauswirtschaft und Technik) Jungen und Mädchen getrennt zu unterrichten. "Reflexive Koedukation" wird der getrennte Unterricht für Jungen und Mädchen in Teilbereichen genannt, weil Mädchen und Jungen in bestimmten Bereichen anders lernen. Auch die Sonsbecker Schulleiterin spricht von einem "Versäumnis über Jahrzehnte hinweg". Ihre Bilanz: "Die Jungs sind auf der Strecke geblieben; es fehlt ihnen an Selbstbewusstsein."
Die Sonsbecker Hauptschule wird die reflexive Koedukation weiter ausbauen und dabei auch ihre Möglichkeiten als Ganztagsschule ausspielen. "Da wird es für die Jungen Fußball geben, damit sie untereinander ihre Kräfte messen können." Zusätzlich sollen soziale Bereiche auch für Jungen erschlossen werden.
Was sich auch deckt mit einer Initiative der Bundesregierung ("Neue Wege für Jungs"), die Jungen die Möglichkeit einräumen soll, "Chancengleichheit und Rollenvielfalt als persönlichen Gewinn für das spätere berufliche und persönliche Leben zu erfahren".
Auch Angelika Platzen hält als Manko fest, dass fast ausschließlich Frauen die Aufgaben der Erziehung und Bildung übernommen haben. Dass es zu wenige Männer in den Erziehungsberufen gibt, macht sie ebenfalls an der Bezahlung und an fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten fest.
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