Xanten: Teure Gewissheit
VON JOSEF POGORZALEK - zuletzt aktualisiert: 21.11.2009Xanten (RPO). Schweinegrippe: Der Test, mit dem die Krankheit nachgewiesen werden kann, wird aus Kostengründen nur noch ausnahmsweise gemacht. Wer trotzdem sicher sein will, muss selbst zahlen.
Helga Busch (Name geändert) ist stinksauer. Es gebe Ärzte, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Wie der, den sie mit ihrem Sohn aufgesucht hat. Der 16-Jährige fühlte sich elend. Da es in der Schule einen Schweinegrippefall gegeben hatte, wurde er vorsichtshalber nach Hause geschickt. Helga Busch wollte auf Nummer sicher gehen und wissen, ob ihr Sohn Schweinegrippe hat. Auch ihretwegen: Als Rheumapatientin fiele sie im Falle einer Schweinegrippeinfektion in eine "Risikogruppe".
Schreiben der Kasse
Die Xantenerin rief beim Arzt an und erfuhr: Einen Schweinegrippe-Test müsse sie selbst bezahlen. Die genannten 150 Euro wollte sie gern investieren. Allerdings informierte sie sich dann bei ihrer Krankenkasse und bekam es sogar schriftlich: Wenn der Arzt einen Test für notwendig erachte, dann werde die Kasse die Kosten übernehmen. In der Praxis wuchs dann die Wut: Trotz des Schreibens habe sich der Arzt geweigert, den Sohn auf Schweinegrippe zu testen und ihm statt dessen Medikamente verschrieben. Die Kosten für einen Test müsse sie selbst übernehmen. "Aber jetzt hieß es, es müssten drei Abstriche zu je 150 Euro gemacht werden." Das war der Xantenerin zu viel. Sie suchte einen zweiten Arzt auf, der ohne Umschweife einen Test auf Kassenkosten machte. Über den anderen Mediziner kann sie aber nur den Kopf schütteln.
Unsichere Zahl
Wie viele Scheinegrippefälle es im Kreis Wesel gibt, ist unbekannt. Eine Meldepflicht besteht nur noch bei Todesfällen oder positiven Tests. Bis Ende letzter Woche wurden im Kreis 480 Fälle gezählt, sagte gestern Ivan Kashkarov vom Kreisgesundheitsamt. Er hält die Zahl aber für unsicher. Viele Fälle seien wohl nicht gemeldet worden, weil die Schweinegrippe von Ärzten mit einer "normalen" Grippe oder eine anderen fiebrigen Erkrankung verwechselt wurde.
Und doch hat dieser sich regelkonform verhalten. Der sogenannte PCR-Test, mit dem sich sicher ermitteln lässt, ob Schweinegrippe vorliegt, wird nur noch ausnahmsweise von den Kassen bezahlt. Zum Beispiel, wenn "die Untersuchung ergänzend zum klinischen Befund nötig erscheint", wie es in der Ärzte-Info der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVN) heißt. Will sagen: Der Arzt sieht in der Regel selbst, ob die Krankheit vorliegt oder nicht, und entscheidet, ob ein Test notwendig ist. Normalerweise sei nicht die absolute Gewissheit wichtig: "Wichtig ist, dass schnell behandelt wird", so Karin Hamacher, Pressereferentin der KVN, die darauf hinweist, dass die Testergebnisse erst nach einem Tag vorliegen.
Immense Kosten
Die Regelung wurde vor dem Hintergrund steigender Krankenzahlen getroffen. Wollte man jeden Verdacht durch einen Test absichern, würden immense Kosten entstehen. Da aber der Verlauf der Krankheit nicht schlimmer sei als bei der saisonalen Grippe oder anderen Infekten, reichten das Urteil des Arztes und eine flotte Behandlung aus. Dass Helga Busch sich als potentielle Risikopatientin sah, sei kein Grund für einen Test an ihrem Sohn. "Solche Fälle übernehmen die Krankenkassen nicht", so Hamacher. Warum ein anderer Arzt dann doch testete und über die Kasse abrechnete? Da habe Helga Busch einfach Glück gehabt.
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