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Erkelenz: Visite in der Mittagspause

VON CARSTEN PREIS - zuletzt aktualisiert: 09.08.2010

Erkelenz (RPO). Auch Hausärzte werden von den geplanten Einsparungen im Gesundheitssystem betroffen sein. Raimund Hintzen fürchtet um die Attraktivität seines Berufs und ausbleibenden Nachwuchs. Er erlaubt einen Blick in seinen Alltag.

Es ist beinahe 12 Uhr. Raimund Hintzen, Allgemeinmediziner und Vorsitzender der Kreisstelle des Hausärzteverbands Nordrhein, verabschiedet seinen letzten Praxispatienten für diesen Morgen. Dann greift er zu seiner Arzttasche und macht sich auf. Während andere Mittagspause machen, besucht er Patienten, die den Weg zu seiner Praxis nicht mehr gehen können. Der 63-Jährige wuchtet die voluminöse Tasche in seinen Pkw. Dem Klischee einer Arzttasche will sie so gar nicht entsprechen. Kein gediegenes Leder. Mit ihren vielen kleinen Fächern, Stauraum und Kunststoffmaterial erinnert sie eher an einen Werkzeugkoffer. Beruflich entspricht er jedoch der gängigen Vorstellung eines Hausarztes.

"Viel Spaß", hatte ihm seine Arzthelferin noch vor seiner Abfahrt gewünscht. Angesichts der Einsparungen im Gesundheitssystem fährt der Allgemeinmediziner mit Sorgenfalten die notierten Adressen an. Größtes Ärgernis für die Hausärzte: Ihr Verband hatte Verträge mit verschiedenen Krankenkassen ausgehandelt, die ihnen bessere Bezüge bei erweiterten Leistungen zusagten. Verpflichtende Fortbildungen und apparative Mindestausstattung in der Praxis und Sonderleistungen wie etwa spezielle Sprechstundenzeiten für Berufstätige gehören dazu. Die erhöhten Bezüge sollen nun nach Plan des Gesundheitsministeriums gestrichen werden. Die Mediziner befürchten stagnierende Bezüge bei mehr Leistungen ihrerseits. Das verschärfe den Ärztemangel, besonders im ohnehin wenig attraktiven ländlichen Raum zusätzlich. Plakataktionen und Streiks sind angekündigt. In einem offenen Brief an den hiesigen Bundestagsabgeordneten Leo Dautzenberg (CDU) hatten Ärzte aus dem Kreis ihre Ängste vor einer Woche formuliert. Der gebürtige Korschenbroicher lebt seit Jahren in Lövenich, dem Ort seiner Praxis, kennt nicht nur die aktuellen Beschwerden seiner Patienten, sondern auch die Geschichten dahinter. Hintzen gibt Gas. Vier Patienten stehen heute auf seiner Liste. Die erste Patientin ist bettlägerig und wird zu Hause von ihrer Familie gepflegt. Hintzen reicht der 87-Jährigen die Hand, legt sie danach vertraulich auf ihre Schulter und spricht mit ihr und ihrer Tochter. Die Atemwege sind verschleimt, Hintzen hört sie ab. Ob sie durchschlafe, möchte er wissen. Ein kurzes Gespräch, Blutdruck messen, die Medikamente neu einstellen, dann geht es ins nahe Altenheim Haus Assenmacher. Dort untersucht der Arzt einen dementen 85-jährigen Patienten. Danach sitzt der Arzt wieder im Auto.

"Achtung", ruft die 91-jährige Frau, als sie den Haustürschlüssel aus dem ersten Stock herunterfallen lässt. Sie kann seit zwei Jahren wegen starker Knieschmerzen die Wohnung nicht verlassen. Die Dame ist geistig fit, Hintzen nimmt sich Zeit für ein kurzes Gespräch über Dorfgeschichten und Nachbarn: Nur beim verschlissenen Knie kann er nicht helfen. "Eine Operation empfehle ich Ihnen nicht", sagt er, "aber ich weiß, dass sie selbst keine mehr wollen." Sie nickt.

Bei seinem letzten Termin geht Hintzen ausnahmsweise auf das Kaffeeangebot ein. Momente wie dieser erinnern ihn daran, dass der Beruf immer noch Spaß macht und wie wichtig die Nähe zu den Patienten und deren Angehörigen ist. Die Diskussion dreht sich um medizinische Versorgung im Alter. Das Problem werde sich verschärfen, sagt er. So wie jetzt gespart werde, mache es die Situation nur schlimmer, findet er. Viele Hausbesuch seien dann einfach nicht mehr machbar, wenn sie nicht – wie es in den neuen Verträgen vorgesehen war – wieder honoriert werden. Seine Zuhörer sind der gleichen Meinung.

Um 13.45 Uhr steht Hintzen wieder vor seinem Wagen. "Jetzt gibt's Mittag", sagt er. Danach folgt der Papierkram. Der muss neben Diagnosen und Behandlungen schließlich auch noch erledigt werden.

Quelle: RP

 
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