Jüchen: Samstag, 16 Uhr: Der Turm fällt
VON NADINE FISCHER - zuletzt aktualisiert: 23.01.2011 - 17:33Jüchen (RPO). Ein lauter Knall: Wie ein gefällter Baum kippt der unter Denkmalschutz stehende Alt-Holzer Wasserturm zur Seite. Er muss den Braunkohlebaggern weichen. Mit Kameras bannen viele Umsiedler und Hochneukircher das endgültige Aus ihres früheren Wahrzeichens.
Jörn-Peter Urbanek hält das Megafon hoch. "Fünf, vier, drei, zwei, eins, null", ruft der Sprengberechtigte des Technischen Hilfswerks Neuss. Dann drückt sein Gladbacher Kollege Dirk Stens auf den roten Knopf. Es ist Samstag, 16 Uhr. Einen Meter über dem Erdboden sprühen erste Funken aus der Wand des Alt-Holzer Wasserturms.
Nur auf der rechten Seite, denn dort sind in 104 Bohrlöchern die rund 17 Kilogramm Gesteinssprengstoff angebracht. Ein lauter Knall zerreißt die Stille, gebannt starren hunderte Schaulustige herüber. Der Boden vibriert, dann kippt das letzte Alt-Holzer Bauwerk wie ein gefällter Baum nach rechts. Das ist das Ende eines mehr als 100 Jahre alten Jüchener Wahrzeichens.
Es muss dem Braunkohleabbau weichen. Fast lautlos segelt der Wasserturm durch den Nebel. Beim Aufprall auf den Boden zerfällt er in tausende Teile, der runde metallene Wasservorratsbehälter bleibt am Stück. Die so genannte Laterne springt ab und wird zerstört. Sie hätten viele Holzer gerne als Andenken aufbewahrt.
Eine breite Aschewolke treibt auf die Schaulustigen zu und sorgt dafür, dass sich viele von ihnen schnell auf den Heimweg machen. Winzige hellbraune Partikel wirbeln durch die Luft, es riecht nach gezündeten Silvester-Böllern. "Es ist alles nach Plan gelaufen. Der Turm ist genau da hingefallen, wo er hinfallen sollte", sagt Jörn-Peter Urbanek und lächelt zufrieden. Niemand im Publikum sei verletzt worden, ergänzt er.
Sechs Wochen lang haben sich die insgesamt 40 Männer vom THW auf die Sprengung vorbereitet und den Turm präpariert. Um den Schutt kümmere sich die Lücker Baustellenentsorgung, sagt Manfred Lang, Unternehmenssprecher von RWE Power. RWE war seit 2010 Eigentümer des 1909 gebauten, denkmalgeschützten Wasserturms.
Bis 1979 wurde er betrieben. Nun musste er den Weg für die Braunkohlebagger frei machen, die links und rechts schon nah herangerückt waren. Wegen der schlechten Bausubstanz sei es nicht möglich gewesen, den Turm abzutragen oder abzureißen. Zehn Tage werde es nun dauern, bis der Schutt weg sei. "Ein großer Teil wird wiederverwertet", sagt Lang. Der große Wasserbehälter werde vorher zerkleinert.
Ganz aus dem Gedächtnis der Jüchener wird der Turm dann aber wohl nicht verschwinden, denn die Holzer haben immerhin einen zwei Meter hohen Nachbau auf ihrem Schützenbaum und das Abbild ihres Wahrzeichens auf die Dorffahne gedruckt. Auch die Erinnerung an die Sprengung muss nicht verblassen: Viele der Schaulustigen haben sie mit dem Fotoapparat oder der Videokamera aufgenommen.
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