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Ingo Thiel (M.), Leiter der Soko Mirco
  Foto: dapd, dapd

Mönchengladbach/Grefrath: Beifall für den Kommissar

VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 29.01.2011 - 10:40

Mönchengladbach/Grefrath (RPO). Bereits seit Dezember hatte die Soko Mirco einen 45-jährigen Familienvater aus Schwalmtal als möglichen Täter im Visier. Wie Chefermittler Ingo Thiel am Freitag in Mönchengladbach mitteilte, wurde der Junge zufällig zum Opfer eines Mannes, der nach Ansicht der Polizei seinen Frust über Stress an der Arbeitsstelle abreagieren wollte.

Um 10.55 Uhr betritt Hauptkommissar Ingo Thiel (48) den großen Saal im Mönchengladbacher Polizeipräsidium. Da geschieht etwas, das bei Pressekonferenzen zu Mordfällen mehr als ungewöhnlich ist. Beifall brandet auf, erst leise, dann immer lauter, schließlich im Stakkato: Viele Mitglieder der 65-köpfigen Soko Mirco, die sich unter die Journalisten gemischt haben, feiern ihren Chef, der sie 145 Tage lang auf der Jagd nach Mircos Mörder angeführt hat und gestern endlich den Erfolg der Fahndung verkündet: Der Täter selbst habe die Polizisten schon am Mittwochnachmittag zu Mircos Leiche geführt. Der Junge war am 3. September gegen 22 Uhr auf dem Nachhauseweg in Grefrath spurlos verschwunden.

Vor der Tat vom Chef "zusammengefaltet"

Thiel, der nur einen Kilometer entfernt von dem Haus des mutmaßlichen Mörders wohnt, verkneift sich jede Geste des Triumphes. "Der ersehnte und erhoffte Durchbruch ist gelungen: Uns ist eine große Last von der Seele genommen", sagt er und dankt seinem Team: "Ich bin stolz, mit solchen Leuten zusammengearbeitet zu haben." Dann zieht er nüchtern die Bilanz einer der aufwendigsten Fahndungen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Die Hinweise Bei der Suche nach Mircos Mörder schienen die Fahnder zunächst vom Pech verfolgt: die Vermisstenmeldung ging verspätet ein, das Fahrrad des Jungen spritzte ein Finder mit einem Hochdruckreiniger ab, T-Shirt und Hose, die an einer Landstraße gefunden wurden, wurden gewaschen. Mircos Handy fand ein Arbeiter erst Wochen später. Dennoch spricht Thiel von einem kleinen, aber feinen Spurenbild. So konnten die Ermittler an Mircos Kleidung zum Beispiel Faserspuren und DNA sicherstellen, die die Fahnder letztlich auf die richtige Spur brachten. Und es gab einen "Top-Zeugen" (Thiel), der gesehen hatte, wie der Fahrer eines Passat Kombi ein Fahrrad am Ort der Entführung ins Feld warf. Die Aussagen des Anwohners und die Auswertung der Faserspuren erlaubten es, die Zahl der verdächtigen Fahrzeuge auf 150 000 einzugrenzen.

Die Fahndung Obwohl die Polizei in der Öffentlichkeit immer wieder um Hinweise zu dem Passat bat und ein großer Teil der insgesamt 9000 Tipps sich auf das Auto bezog, brachte ein ganz anderes Instrument die Ermittler im vergangenen Dezember auf die Spur des Täters. "Wir haben viele Mausefallen aufgestellt, und einige von ihnen sind zugeschnappt", sagt Thiel.

Während der gesamten Suchaktion hatte er immer einen unerschütterlichen Optimismus gezeigt, dass er den Fall aufklären werde. "Wir haben hoch gepokert", sagt er rückblickend. Sein Erfolgsgeheimnis will er nicht verraten. Nur so viel: Sein Team sei "neue Wege" gegangen, und nicht eine Zeugenaussage, sondern "technische Mittel" hätten schon vor Weihnachten Hinweise auf den Tatverdächtigen in Schwalmtal erbracht. Mehr will der Hauptkommissar nicht sagen, um in zukünftigen Fällen Verbrechern nicht die Möglichkeit zu geben, sich auf die neuen Fahndungsmethoden der Polizei einzustellen.

Das letzte Puzzle-Stückchen allerdings, das schließlich dazu führte, dass die Polizei den 45-jährigen Olaf H. am Mittwochmorgen um sechs Uhr morgens in seinem Haus festnehmen konnte, war dann doch der Passat. Bei dem Fahrzeug handelte es sich um einen von der Telekom geleasten Firmenwagen mit Münsteraner Kennzeichen. Ende Oktober 2010 war der Leasingvertrag turnusgemäß ausgelaufen. H. hatte bereits einen neuen Dienstwagen.

Der verdächtige Passat war vorübergehend wie vom Erdboden verschluckt. Ein Luxemburger Händler hatte ihn nach Rußland verkauft; von dort war er wieder nach Luxemburg in die Hände eines Privatmannes gelangt. Als die Polizei ihn ausfindig machte, stellte sich heraus, dass der Mann Urlaub in Bali machte und den Wagen irgendwo am Frankfurter Airport geparkt hatte. Erst bei seiner Rückkehr konnte die Soko Proben im Fahrzeug nehmen und im Düsseldorfer Landeskriminalamt fasertechnisch untersuchen lassen. Die Fasern stimmten mit denen auf Mircos Kleidung überein.

Die Festnahme Als Thiels Leute an der Haustür der Familie H. klingelte, öffnete der Verdächtige. Seine Frau, eine zweijährige Tochter und ein 17 Jahre alter Sohn hätten noch geschlafen, berichtet Thiel. "Soko Mirco" stellten sich die Beamten dem Hausherrn vor und teilten ihm mit, dass er vorübergehend festgenommen sei. "In der Vernehmung hat sich dann das Ergebnis unserer Ermittlungen bestätigt", berichtet Thiel. Wenige Stunden nach der Festnahme führte H. die Ermittler zu Mircos Leiche. Sie lag sechs Kilometer nördlich der Autobahn  40 am Rande eines Waldstücks, das im September nicht durchsucht worden war.

Die Tat Wie genau Mirco starb, will Thiel mit Rücksicht auf die Familie des Opfers nicht erzählen. Zudem stehe noch das Ergebnis der Obduktion aus. Nach den Aussagen des Festgenommenen habe er Mirco in Grefrath gegen 22 Uhr überholt, sei rückwärts in einen Feldweg abgebogen, und habe Mirco aufgefordert, vom Fahrrad zu steigen. Der Junge habe keinen Widerstand geleistet. Mit dem Kind im Auto sei er dann etwa zwölf Kilometer nach Norden gefahren und hinter Wachtendonk von der K 21 in ein Waldstück abgebogen. "Dann ist es zu einem Sexualdelikt gekommen", berichtet der Soko-Chef. Anschließend habe H. den Jungen umgebracht. "Zur Verdeckung einer Straftat", wie die Krefelder Staatsanwältin Silke Naumann feststellt. Die Leiche ließ der Täter am Tatort unbegraben zurück.

Das Motiv des Täters Schon früh hatten Profiler des Landeskriminalamtes einen Durchschnittsbürger als möglichen Täter vermutet. Dennoch sei er verblüfft gewesen, wie genau das Profil auf den Festgenommenen gepasst habe, sagt Thiel. H. ist nicht vorbestraft. Der in dritter Ehe Verheiratete sei weder seinen Ehefrauen noch seinen insgesamt drei Kindern gegenüber gewalttätig geworden. Auch pädophile Neigungen seien nicht bekannt, versichert Thiel. Dennoch bezeichnet er den Mann als "Zeitbombe." Auslöser für die Tat sei nach Angaben des Festgenommenen ein Telefonat gewesen, das H. mit seinem Chef führte. Darin habe der Vorgesetzte H., der als Bereichsleiter arbeitete, "zusammengefaltet". Daraufhin will H. ziellos über den Niederrhein gefahren sein, ehe er in Grefrath auf Mirco gestoßen sei. Der Junge sei ein "Zufallsopfer", sagt Thiel. Dem Täter sei es in erster Linie darum gegangen, aus einer extremen Stresssituation heraus Frust abzubauen, indem er sein Opfer erniedrigte. Dabei sei es H. egal gewesen, ob er einen Jungen oder ein Mädchen erwische.

Thiel berichtet, dass nun routinemäßig geprüft werde, ob H. auch für andere Verbrechen in Frage komme. Er bestätigt auch, dass mehrere Polizisten in der Nachbarschaft Hs. wohnen. Hätten die nicht Verdacht schöpfen müssen? Thiels Antwort: "Wie hätten die etwas merken sollen, wenn nicht einmal seine Ehefrau etwas wusste?"

Quelle: RP

 
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