Kempen: CDU-Spitze zerreißt sich selbst
VON GERT UDTKE - zuletzt aktualisiert: 03.09.2010 - 10:15Kempen (RPO). Nach offen ausgetragenem Streit um Personen versucht der CDU-Stadtverband, nun mit neuer Führung wieder Tritt zu fassen. Der Parteitag wählte gestern Abend Eva Theuerkauf zur Vorsitzenden anstelle von Jochen Herbst.
Stadt kempen Erst nach 22 Uhr stand gestern das Ergebnis der Parteivorsitzendenwahl fest: Eva Theuerkauf (48), Ratsfrau aus St. Hubert und vorgeschlagen vom Vorstand, erhielt 121 von 211 Stimmen. Der seit vier Jahren amtierende CDU-Vorsitzende und aus eigenem Willen antretende Jochen Herbst bekam nur 79. Die gleichfalls attackierte Geschäftsführerin Heike Höltken trat später "aus gesundheitlichen Gründen" zurück.
Zuvor hatte die CDU in der Stadt Kempen auf offenem Markt ihre schmutzige Wäsche gewaschen. Genauer: Teile ihres Führungspersonals in Parteivorstand und Ratsfraktion fielen übereinander her, während weite Teile der Mitgliedschaft rätselten. "Was ist hier eigentlich passiert?", fragte zum Beispiel Heinz Leenen aus St. Hubert und bekam zustimmenden Beifall. Und für den früheren Bundestagsabgeordneten Julius Louven, selbst 30 Jahre lang Parteichef auf verschiedenen Ebenen, bestätigten sich einmal mehr seine "große Sorge um unsere Partei" und seine klare Diagnose, dass die Kempener CDU auf Kreisebene "jeden Einfluss verloren" habe.
CDU Stadt Kempen
Mitgliederzahl aktuell 504
Mitgliederentwicklung 2006 bis 2009 laut Parteichef Herbst
94 neue Mitglieder
92 Austritte, darunter auch Todesfälle oder Wegzüge
Wahlergebnis bei der Stadtratswahl 2009: 47,1 Prozent (2004 49,4); Bürgermeisterwahl 62,1 Prozent (52,8), gewählt Volker Rübo
Das wundert nicht bei diesem Streit in der Kempener CDU-Spitze, der fatal an einen Familienkrach auf unterem Niveau erinnerte. Vorsitzender Herbst (54) blickte zunächst auf die Wahlen 2009 und 2010 mit Erfolgen und mit durchwachsenen Ergebnissen zurück. Sein Fazit "Wir sind auf dem richtigen Weg" zerriss Louven in der Luft. Die CDU habe doch ihre absolute Ratsmehrheit verloren, der Wahlkampf sei ein Desaster gewesen, es fehle jegliche politische Diskussion. Louvens Diagnose: "Die CDU ist von Kempen über Düsseldorf bis Berlin nicht in guter Verfassung."
Als wäre ein Damm gebrochen, begannen die Attacken auf den seit vier Jahren amtierenden Parteivorsitzenden Herbst und seinen Führungsstil. Wilfried Bogedain, Vorsitzender der Ratsfraktion, bedauerte mit Blick auf Herbst, dass es im letzten Jahr keine sachlich-politische Diskussion im Vorstand gegeben habe, sondern "nur rein persönliche Attacken und Beschimpfungen", gipfelnd in dem absurden Vorwurf, er habe Herbst und die ebenfalls in der Schusslinie stehende Geschäftsführerin Höltken gemobbt. Bogedain forderte, die Weichen für einen Neubeginn zu stellen und "zu politischer Arbeit in Kempen zurückzufinden, die das Vertrauen der Bürger verdient."
Karl Hensel, bis vor einem Jahr Bürgermeister der Thomasstadt, griff zum scharfen Ton und in der Wortwahl teils daneben: "Mein Urteil über Sie ist vernichtend", sagte er kalt zu dem neben ihm stehenden Herbst. "Unter Ihrer Führung verkommt die Partei." Manche Vorstandssitzungen seien "Stücke wie aus dem Tollhaus" gewesen. Solche Worte (unter Parteifreunden?) brachten Hensel Buh-Rufe ein.
Aber auch der besonnene Klaus Wollersheim, Beisitzer, erinnerte Herbst daran, dass elf von 14 Vorstandsmitgliedern ihm nicht das Vertrauen ausgesprochen hätten, ähnlich das Ergebnis für Höltken. "Eine Zusammenarbeit ist nicht mehr möglich."
Herbst wehrte sich, versuchte das offensichtlich gewaltige Problem klein zu reden, verwies auf sein Temperament, mit dem er, manchmal auch hitzig und geradeaus, für die Ziele der CDU kämpfe. Die Ratsfraktion sei der operative politische Teil, die Partei der Ideengeber. "Da gibt es schon mal Unterschiede." Er habe im Vorstand Entscheidungen zu treffen, die nicht allen passten. Der ein oder andere sei dann enttäuscht, es gebe Missmut.
Manches neue und manches junge Mitglied konnte gar nicht fassen, was sich die CDU da gestern Abend öffentlich leistete. "Sobald wir anfangen, persönlich zu werden, haben wir alle verloren", warnte Florian Steinhoff von der Jungen Union. Beide Kandidaten für den Vorsitz seien respektable Personen, eine Wahl sei völlig normal. Die gewann dann Eva Theuerkauf. Sie hat nun die Riesenaufgabe, wieder für mehr Miteinander und mehr Sachdiskussion zu sorgen. Beides versprach sie – und bekam noch ein Küsschen von ihrem Widersacher Herbst mit auf den Weg. Frage des Tages
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