Stadt Kempen: Das "Kriegskind" eines Kempener Soldaten
VON WILLI SCHÖFER - zuletzt aktualisiert: 11.02.2012Stadt Kempen (RP). Schon lange haben sich Deutschland und Frankreich versöhnt. Aber es gibt noch ein letztes Tabu in den Beziehungen beider Staaten: Die Erinnerungen an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, den vor allem die "Kriegskinder" in Frankreich erlitten. Kinder, damals als "Bastarde" oder "Quadratköpfe" beschimpft, weil sie eine französische Mutter und einen deutschen Soldaten zum Vater hatten. Eines dieser Kinder war Josiane van Mierlo-Mauchauffée. Gestern schilderte sie im Kempener Gymnasium Thomaeum ihre Erlebnisse.
Schüler beeindruckt
Vor hundert Oberstufenschülern, die im Thomaeum und im Luise-von-Duesberg-Gymnasium Französisch-Kurse belegt haben, erzählte die ehemalige Studienrätin (66), die in der Kempener Partnerstadt Orsay bei Paris lebt, von der Liebe ihrer französischen Mutter zu einem deutschen Soldaten. Eine verbotene Liebe, so dass auch sie damals den Hass gegen die Besatzer, die Deutschen ("Boche") erlebte. Sie wurde von vielen Schulkameraden ignoriert und drangsaliert. Die Erzählungen ihrer 1998 gestorbenen Mutter Raymonde waren Josiane van Mierlo-Mauchauffée in Erinnerung, die noch lange nach dem Krieg von Landsleuten als "Nazihure" beschimpft worden sei. Ein Sprachrohr dieser Kinder ist seit langem der Verein "Amicale Nationale des Enfants de la Guerre" (A.N.E.G.). Josiane van Mierlo-Mauchauffée trat dem Verein 2006 bei und informiert seit vielen Jahren über dieses dunkle Kapitel der deutsch-französischen Geschichte.
In Kempen gut bekannt
Ihre Familie ist in Kempen wohlbekannt: ihr Vater Josef van Mierlo, ein gebürtiger Kempener, war ein wichtiger Brückenbauer der seit 1973 bestehenden Stadtepartnerschaft zwischen Kempen und Orsay. Anfang 2009 erhielt der damals 90-Jährige die Silberne Stadtplakette von Kempen. Er starb im Dezember desselben Jahres.
Gestern wurde Josiane van Mierlo-Mauchauffée nach ihrem Vortrag im Thomaeum vom Kempener Bürgermeister Volker Rübo empfangen und trug sich ins Goldene Buch ein. Tags zuvor war die Deutsch-Französin im Steinbart-Gymnasium in Duisburg gewesen. Dem deutsch-französischen Verein der Kriegskinder gehören etwa 500 Mitglieder an. "Etwa die Hälfte haben nach entsprechenden Recherchen viel später ihre Wurzeln und Väter gefunden, nur drei oder vier haben ihre Väter tatsächlich kennengelernt", sagte sie. Im Vergleich zu den meisten Kriegskindern, die nur mit ihrer Mutter zusammen lebten, kommt sie aus einer intakten Familie. "Es war Liebe auf den ersten Blick", gab sie Erzählungen ihrer Mutter wieder, die bereits 1942 den damals in Frankreich als Ortskommandanten eingesetzten deutschen Oberleutnant Joseph van Mierlo kennen und lieben lernte. Als das bekannt wurde, strafversetzte ihn die Wehrmacht nach Russland. Später kam er in amerikanische Gefangenschaft und kehrte 1947 nach Kempen zurück. Josanie kam im Mai 1945 zur Welt.
Zwei Kulturen kennengelernt
Als Josef van Mierlo von seinem mittlerweile zwei Jahre alten Kind erfuhr, zog der frühere Medizinstudent zu seiner Freundin nach Frankreich. 1952 heirateten sie. Der Kempener hatte das Thomaeum besuchte und sprach perfekt französisch. "Mein Vater hat mit mir als Kind nie ein Wort französisch gesprochen, wohl als Schutz vor der Familie", erinnerte sich seine Tochter. Ihr Vater sei oft traurig gewesen, dass er seine Herkunft, Kultur und Sprache so lange verschweigen musste. Als kleines Kind hatte sie mitbekommen, wie ihr Vater von Franzosen schikaniert und auf der Straße beschimpft worden sei.
"Ich habe mich immer doppelt gefühlt", ist die 66-Jährige stolz, dass sie vor einigen Jahren auch die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen konnte. Den Kontakt zu Kempen verlor sie nie: "Ich empfinde es als großes Glück, dass ich beide Kulturen kennenlernen durfte."
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