Kreis Viersen: Der Tag nach dem Feuer Protokoll der Alarmierung
VON GERT UDTKE - zuletzt aktualisiert: 08.01.2008Kreis Viersen (RPO). Technik und der menschliche Faktor
Von dem Großeinsatz der Feuerwehr in der Nacht zum Montag ist an der Süchtelner Straße in Vorst auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen. Zwei Fensterscheiben im ersten Stock des Mehrfamilienhauses Nummer 34 fehlen. Bei genauem Hinschauen fallen die verrußten Wände in der dahinterliegenden Wohnung auf. Den Zutritt zu den Räumen hat die Polizei untersagt. An der Eingangstür prangt ein weißes Plastikschild mit der Aufschrift: „Dieser Brandort ist beschlagnahmt. Das Betreten der Brandstätte ist untersagt. Veränderungen sind zu unterlassen.“ Zudem sind die Absperrungspfeiler zum Hof immer noch für die Feuerwehr heruntergelassen.
Der 20-jährige René Lohr beobachtet aus dem Fenster im Erdgeschoss des Nachbarhauses ein Fernsehteam von Sat 1 bei Dreharbeiten über das Unglück. Lohr hat das Geschehen in der Nacht von seinem Fenster aus verfolgt. „Hier war ganz schön was los“, erinnert er sich. Schon von weitem konnte er die Sirenen hören. „Das müssen elf Feuerwehrwagen mit schätzungsweise 50 Einsatzkräften gewesen sein“, sagt er. Der Rauch des Brandes sei da schon durch das geborstene Fenster über den gesamten Hof gezogen, den die beiden roten Backsteinhäuser bilden. Die Rettungskräfte seien kurz nach ihrem Eintreffen mit Atemschutzmasken in das verrauchte Gebäude gegangen, sagt Lohr. „Sie sind dann nicht über das Fenster eingestiegen, das schon zerbrochen war, sondern durch das benachbarte.“ Ein junges Pärchen, das seit kurzem in dem Haus wohnt, habe während der Löscharbeiten im Hof gestanden. „Die Frau hat sehr stark geweint“, erinnert sich Lohr, der deshalb zunächst vermutete, dass die Wohnung der beiden gebrannt hätte. Erst später erfuhr er, dass die betroffene Wohnung einem älteren Ehepaar gehört hat und dass die Ehefrau ums Leben gekommen sei.
Die Mitarbeiter in der Kreisleitstelle Feuerwehr/Rettungsdienste haben eine schwere, verantwortungsvolle Aufgabe. 24 Stunden rund um die Uhr laufen zentral in Viersen die Notrufe aus neun Kommunen ein – vom Verkehrsunfall über ein häusliches Unglück und einen Herzinfarkt bis hin zum Großbrand. Der Disponent muss die Lage und Dringlichkeit aus seiner Erfahrung richtig einschätzen und die geeignete Hilfe schicken. Und das alles innerhalb von Sekunden und mit natürlich aufgeregten Anrufern. Dabei darf kein Fehler passieren, denn die Folgen können lebensbedrohlich sein.
Ein solch fataler Irrtum ist nun geschehen, einem berufserfahrenen Rettungsassistenten und Feuerwehrmann, der allerdings erst seit wenigen Tagen in der Leitstelle eigene Verantwortung trägt. Er hat offensichtlich – ohne über ihn bereits den Stab brechen zu wollen und zu dürfen – einen schwerwiegenden Fehler gemacht. Aber ob es allein seiner war, muss die Kreisverwaltung, müssen die Verantwortlichen der Feuerwehr prüfen. Offenbar hat auch die technische Unterstützung durch Computer ihre Unzulänglichkeiten – zumindest bei Handyanrufen. Solche technischen und vielleicht organisatorischen Mängel müssen abgestellt werden.
Die Süchtelner Straße ist nicht die einzige, die in den neun Gemeinden des Kreisgebiets doppelt und mehrfach vorkommt.
20.28 Uhr Ein Hausbewohner meldet den Wohnungsbrand an der Süchtelner Straße 34 bei der Kreisleitstelle über Notruf 112, schildert gestern die Kreisverwaltung. Da er ein Handy benutzt, erscheint auf dem Computerbildschirm des Leitstellen-Mitarbeiters, dem so genannten Disponenten, Viersen als Standort des Anrufers. Das geschieht aus technischen Gründen immer bei Handyanrufern. Zugleich wird automatisch die Nummer des Anrufers auf dem Bildschirm festgehalten, sofern er auf seinem Telefon keine Nummerunterdrückung eingeschaltet hat. Bei Notrufen ist der Disponent gehalten, den Anrufer stets nach dem Ort für den Einsatz zu fragen – was der 39-jährige, seit 18 Jahren Feuerwehrmann in Viersen, offenbar versäumt. Kreispressesprecher Kaspar Müller-Bringmann: „Er war felsenfest überzeugt, dass es sich um die Süchtelner Straße in Viersen handelte.“ Allerdings: Es gibt im Kreisgebiet fünf Süchtelner Straßen: in Viersen, Vorst, Anrath, Oedt und Lobberich. „Hätte er nur den Straßennamen in den Computer eingegeben“, erklärt Müller-Bringmann, „hätte ihn der Computer auf diesen Umstand hingewiesen.“ Beim Notruf aus dem Festnetz wäre die Vorwahl mit erschienen: Auch dann hätte der Disponent nachfragen müssen, da Anrath und Vorst dieselbe Vorwahl 02156 haben.
20.29 Uhr Die Leitstelle alarmiert die Hauptwache Viersen. Vier Feuerwehrfahrzeuge, zwei Rettungswagen und ein Notarzt rücken aus.
20.33 Uhr Ankunft an der vermeintlichen Einsatzstelle Süchtelner Straße in Viersen, Von einem Brand ist nichts zu sehen.
20.35 Uhr Der Löschzugführer fragt bei der Leitstelle nach.
20.36 Uhr Da dort in der Zwischenzeit keine weiteren Notrufe eingegangen sind, ruft der Disponent daraufhin den ursprünglichen Anrufer über dessen notierte Handynummer zurück und erfährt nun, dass der Brand in Vorst ist.
20.38 Uhr Der Disponent alarmiert die Tönisvorster Feuerwehr.
20.41 Uhr Die ersten Kräfte treffen an der Süchtelner Straße 34 in Vorst ein – 13 Minuten nach der ersten Alarmierung. Davon sind rechnerisch neun Minuten durch den Fehler verloren gegangen. MEINUNG
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