Kempen: Die Schöpfung im Blick
VON GERT UDTKE - zuletzt aktualisiert: 03.11.2007Kempen (RPO). Das höchste Lob kam auf Niederbayerisch: Ein „g’scheiter Verein“ sei der Rheinische Landwirtschafts-Verband, würdigte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner den Jubilar. Ein Festakt in Kempen erinnerte gestern an 125 Jahre.
Der erste Gang der rund 200 Festgäste führte auf die Kempener Burgwiese zum 1901 errichteten Denkmal des Felix Freiherr von Loe-Terporten, dem ersten Präsidenten des Rheinischen Bauernvereins. Dort legten Friedhelm Decker, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands (RLV), Kreisbauernvorsitzender Heinz-Josef Tölkes und Kempens Ortslandwirt Heinz-Jürgen Boves einen Kranz aus gelben Gerbera nieder.
Mit dabei waren Nachfahren der Gründerfamilien Ludwig Bönninger, Heinz und Ludwig Gleumes, Josef Goetschkes und von Loe, die am 8. November 1882 in Kempen mit 800 rheinischen Landwirten den Rheinischen Bauernverein gründeten. Diese erste berufsständische Organisation der Landwirte wehrte sich gegen unlautere Praktiken beim Viehhandel, Steuerlasten und Schutzzölle. Heute geht es um EU-Agrarpoltik, Zuckermarktverordnung, Globalisierung, Gentechnik, Umwelt- und Naturschutz oder gesunde Lebensmittel zu fairen Preisen. Aber nach wie vor, so Eckhard Uhlenberg, NRW-Landwirtschaftsminister, dürfe sich der heutige Verband wie sein Vorläufer als „die Stimme der rheinischen Bäuerinnen und Bauern“ verstehen. „Er hat diese Stimme, wenn es nötig war, laut und vernehmlich erhoben.“ Was Sonnleitner als Präsident des Deutschen Bauernverbands bestätigte: „Wir sind keine Leisetreter.“
Von-Loe-Plakette
Ehrung Beim Festakt in der Kempener Paterskirche verlieh gestern RLV-Präsident Friedhelm Decker die „Felix Freiherr von Loe-Terporten-Plakette“ an Hermann-Josef Scheidtweiler aus Mechernich für sein großes landwirtschaftliches und kirchliches Engagement. Er ließ die spektakuläre Bruder-Klaus-Kapelle, ein Entwurf des Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor, zu Ehren des Hl. Nikolaus von Flüe auf seinem Feld in Wachendorf errichten.
Umweltaktion Unter dem Motto „Bauernhöfe – Schwalbenhorte“ ruft der RLV seine Mitglieder auf, ihre Ställe und Scheunen für die Rauchschwalben zu öffnen. Der Verband stellt dazu Nisthilfen zur Verfügung. Mindestens hundert Höfe sollen gewonnen werden.
Das Jubiläumsfest in der Kempener Paterskirche begann mit einem feierlichen ökumenischen Gottesdienst. Dr. Johannes Bündgens, Weihbischof von Aachen, wies auf die ökologische und soziale Verantwortung der Bauern hin: „Sie sind Mitarbeiter an Gottes Schöpfungswerk.“ Superintendent Falk Neefken vom evangelischen Kirchenkreis Krefeld-Viersen unterstrich diesen Auftrag: „Wir sind berufen, anwaltlich für die Schöpfung einzutreten und sie zu bewahren.“
Der Kempener Vizebürgermeister Karl-Heinz Hermans hob die enge Verbundenheit der Stadt mit der Landwirtschaft hervor – auch mit launigen Worten: Früher hatte die Kommune das Autokennzeichen „KK“ für „Kempener Kappes“, heute sei es eben das „VIE“.
An die wechselvolle Geschichte der bäuerlichen Interessenvertretung erinnerte Decker. 60 000 MItglieder zählte der Rheinische Bauernverein schon um 1900. Nachdem alle Bauernorganisationen unter dem Nationalsozialismus im Reichsnährstand zusammengezwungen worden waren, mussten sie nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang machen: 1946 gründete sich der Rheinische Landwirtschafts-Verband in Bonn. Hier sind heute 18 000 Mitglieder organisiert: „Wir sind mit den Regierenden aller Couleur wahrlich nicht immer zimperlich umgegangen.“ Trotz allem sei die Grundstimmung im Berufsstand in den beiden letzten Jahren wieder besser geworden.
Minister Uhlenberg lobte die Landwirtschaft und ihre Pflege der Kulturlandschaft als „Rückgrat unserer lebendigen ländlichen Räume“. Im Zusammenwirken mit Umwelt- und Naturschutz habe sie Meilensteine gesetzt. Der Verband sei mehr als bloße Interessenvertretung und Dienstleister: „Er stiftet Identität unter den Mitgliedern.“
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