Kempen: Die unsichtbare Restaurierung
VON SILVIA RUF-STANLEY - zuletzt aktualisiert: 28.12.2007Kempen (RPO). „Nicht verschönern, nicht rekonstruieren, sondern lediglich erhalten“, umschreibt der Kempener Steinmetz Manfred Messing seine Restaurierung jüdischer Grabsteine des Weseler Friedhofs. Der Kempener Friedhof könnte folgen.
Nach Restaurierungsarbeiten auf dem Krefelder jüdischen Friedhof 2003/04 ist die Weseler Anlage nun die zweite solche Aufgabe für den Steinbildhauermeister. Für die geplante Restaurierung des jüdischen Friedhofs in Kempen an der Oedter Straße im nächsten Jahr hat sich Manfred Messing ebenfalls beworben. Die Restaurierung der jüdischen Grabsteine geschieht in enger Absprache mit dem Landeskonservator. Mit Pinsel und Spachtel werden vorsichtig Algen, Flechten und Moos entfernt. Den Sandstrahler zu benutzen, wäre hier unmöglich, erklärt Messing. Denn durch die Arbeit sollen weder Inschriften noch Verzierungen beschädigt werden. „Ich könnte die Inschriften gar nicht neu machen, da ich kein Hebräisch kann“ sagt er.
Kempener Friedhof
Die jüdische Gemeinde Kempens kaufte 1809 das Gelände an der Oedter Straße. Beerdigt wurde hier von 1845 bis 1944. Erst in diesem Jahr, im September, gab es hier mit der Beerdigung von Kurt Mendel, dem einzigen Kempener Überlebenden des nationalsozialistischen Holocaust, wieder eine Beisetzung (Bild).
Das Gelände in Kempen ist 2100 Quadratmeter groß und umfasst 94 Grabsteine.
Jüdische Begräbnistradition
Und eine umfassende Restaurierung wäre auch nicht im Sinne der jüdischen Tradition, die im Gegensatz zu den christlichen Religionen keine Pflege ihrer Grabsteine vorsieht. In einem Standardwerk zur Restaurierung jüdischer Grabmale hat jedoch Professor Dr. Stefan Bajohr von der Universität Duisburg festgestellt, dass die Vorstellung, „jüdische Gräber seien für die Ewigkeit angelegt“, ein Fehler sei. Vielmehr meint der Professor: „Es ist lobenswert, wenn dafür gesorgt wird, dass Grabsteine und Inschriften vor dem weiteren Verfall durch Konservierung geschützt werden.“
Dieser Auffassung schließt sich Messing an, ebenso wie das Land Nordrhein-Westfalen, das zurzeit Konservierungsmaßnahmen auf jüdischen Friedhöfen landesweit unterstützt. Allerdings sind in Zeiten knapper Kassen die Mittel begrenzt. Und so muss Messing manchmal die schwere Entscheidung treffen, den einen oder anderen Grabstein nicht zu bearbeiten.
Einige der Weseler Grabsteine hat Messing mit in seine Werkstatt an der Kerkener Straße in Kempen gebracht. Zum einen drängt die Zeit, denn die Arbeiten müssen bis Februar 2008 abgeschlossen sein. Zum anderen hat er nur hier die Möglichkeit und auch die technische Ausrüstung, trotz Feuchtigkeit und Kälte zügig zu arbeiten. So zeigt er einen Stein, wo sich durch ein kleines Loch bereits Feuchtigkeit im Inneren des steinernen Grabmals festgesetzt hat. Diese könnte in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass der Stein bricht. Deshalb wird er sorgsam quer aufgeschnitten und die schadhafte Stelle vorsichtig unterfüttert und gefestigt. Anderen Steinen fehlen teilweise Ornamente. Sind diese Bruchstücke noch komplett vorhanden, befestigt sie Messing neu. „Das schönste Kompliment ist, wenn es hinterher heißt, dass man gar nichts sehen kann“, sagt er. Die Arbeit auf dem jüdischen Friedhof sieht der Steinmetz auch als Verantwortung vor der Geschichte des jüdischen Volkes in Deutschland. „Die Frage, wie geht man mit Geschichte um“, hat ihn schon von jeher interessiert. Im Übrigen unterscheiden sich die Grabmale auf jüdischen Friedhöfen allein durch die hebräischen Inschriften und Verzierungen. „Die Stilepochen ziehen über die Jahrhunderte hinweg durch“, sagt der Fachmann, „wie auf christlichen Friedhöfen.“ MEINUNG
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