Kempen: Hoch auf dem weißen Wagen
VON TOBIAS NEUMANN - zuletzt aktualisiert: 20.02.2007Kempen (RPO). Zusammen mit den Jecken der Stadtverwaltung Kempen bezog die RP Quartier auf einem der 62 Karnevalswagen. Ein etwas anderer Blick auf den Zug – zwischen Sirtaki und Götterolymp.
Die Schönsten
Der KKV prämiierte gestern Abend die schönsten Teilnehmer am Kempener Rosenmontagszug:
Wagen 1. „Wir sind Hollywood“ von der KG Narrenzunft Kempen; 2. „Hundeklo macht Kempen froh“, Straßengemeinschaft Ellenstraße; 3. „Ohne Mäuse alles Käse“, Die Mäuse.
Fußgruppen 1. „Ahoi Brause“, Angehörige vom Fanfaren- und Majorettenkorps Blau Weiß Kempen; 2. „Königreich Kempen“ vom Freundeskreis St. Hubert; 3. „Hummer, Hummer, Hummer täterä“ mit Kegelclub Echte Froende.
Sonderpreis „Mensch ärgere Dich nicht“, Lebenshilfe Kreis Viersen e.V..
Schon wieder schallt der Sirtaki lautstark aus den Boxen vor uns. Wir schweben vier Meter über dem jecken Treiben, hoch auf unserem weißen Wolkenwagen der Stadt Kempen, 40 Beamte und ein Karnevalsreporter mitten im Geschehen. Man fühlt sich wie im Rausch, als stünde man über sämtlichen Dingen. Doch bevor es soweit kommen konnte, mussten fünf Stunden Frohsinn an einem vorbeigehen.
Rückblende: Es ist 10.15 Uhr, als ich den Wagen mit der Nummer 48 auf der Kleinbahnstraße ausfindig mache. Leise und kalt ist es hier, von Karnevalsstimmung kaum eine Spur. Da steht er also, 13,5 Meter lang, 3,10 Meter breit und vier Meter hoch. Mein Arbeitsplatz für diesen Rosenmontag. „Himmlisches Kempen“, lautet das Motto des weißen Wagens, und kostümiert sind wir alle als Griechen, vielleicht auch griechische Götter. Damit ich auch nur annähernd so aussehe wie ein junger griechischer Gott, geht es für mich erst mal in die Maske zu Nadine Arnold.
Zehn Minuten lang verhilft mir die Kempener Kosmetikerin zu südländischer Bräune und roten Lippen – eine Prozedur, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt. Danach erstmal einen Rundumblick verschaffen. In Wagen vor uns fährt nicht etwa ein schönes Mädchen, sondern Bürgermeister Karl Hensel zusammen mit seinem Stellvertreter Karl-Heinz Hermans und dessen Enkel. Der heißt Marc, ist zwölf und hat dank seines Großvaters schon bei zwei Karnevalszügen dabei sein dürfen.
Vier Tonnen Kamelle auf Wolke 7
Auf unserer „Wolke“ schweben 20 Beschäftigte der Stadtverwaltung mit, 20 weitere zählt das Fußvolk hinter uns. Von der 19-jährigen Azubine Sara bis zum 65 Jahre alten pensionierten Hauptamtsleiter Manfred Küsters sind (fast) alle Jecken der Stadt dabei. Vier Tonnen Wurfmaterial haben wir dabei, Schokoriegel, Popcorn, Chips, Lutscher, Kaugummi und noch viel mehr. Als Eigenverpflegung bunkern wir tief im Wageninnern Brötchen, Bier und Schnäpse, von allem genug. Und falls mal jemand muss, gibt es zwei Toiletten im Bauch des großen Spaßgefährts. So langsam kommt Stimmung auf. DJ Manfred heizt uns mit Schunkelliedern und Mitsing-Hits ordentlich ein, während sich die acht Begleiter von der Stendener und Aldekerker Feuerwehr mit Technik und Gerät vertraut machen.
Wie schnell die Zeit vergeht! 11.50 Uhr, seit einer Viertelstunde zieht der vordere Zugteil an uns vorbei. Nun wird es ernst, alle Mann an Bord! Die erste Überraschung: Hier im vorderen Wagenteil ist es mit acht Leuten eng, schnell ist da die Kälte vergessen. Mit lauten Ansagen teilt uns der DJ mit, wer gerade vorbeizieht. Zum Glück sind die Lautsprecher nach außen gestellt, so laut, wie es aus ihnen tönt. Dann ist es soweit: ein plötzliches Rucken, und los geht es. Nieselregen, „Es steht ein Pferd auf dem Flur“.
Spätestens an der Thomasstraße bin ich in meinem Element: „Helau“ und raus mit den Kamelle! Typischer Anfängerfehler, denn bald schon habe ich den ersten Vorrat aufgebraucht. Also den Auswurf zügeln und erst mal ein Bier. Um 12.45 Uhr dann das erste halbe Brötchen. Göttermutter Hera neben mir richtet ihr güldenes Haar und zeigt einigen frechen Jugendlichen ihre strenge Seite: „Die kriegen nix!“, urteilt sie hart und lacht. Der Narrentraum vom Mitziehen erweist sich nun als anstrengend, Dauerbeschallung und Zaungäste tun ihr Übriges.
Nicht auszudenken, was da erst die Fußgruppen aushalten müssen. Noch nie im Leben hatte ich so viel e Freunde, alle wollen Kamelle haben. Als Dank gibt´s Kusshände und Kurze – na dann Prost! Und schon wieder Sirtaki, ich kann es nicht mehr hören. Trotzdem kann ich nun verstehen, warum jeder Jeck einmal mitziehen möchte: Es macht einfach super viel Spaß!
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