Kempen: Krankenfahrt zum Billigtarif
VON SABRINA TILGNER - zuletzt aktualisiert: 24.07.2008Kempen (RPO). Eine Krankenkasse schreibt Patientenfahrten zum Arzt im Internet aus. Das Taxiunternehmen mit dem niedrigsten Preis bekommt den Zuschlag. Die einen finden das existenzgefährdend, die anderen zukunftsweisend.
Wenn Dialyse- oder Krebspatienten zum Arzt müssen, zahlen die Taxifahrt meist die Krankenkassen. Die Barmer vergibt planbare Fahrten im Kreis Viersen jetzt übers Internet. Auf der Homepage des Krankenkasse geben Taxiunternehmen ein Angebot für mehrere Patientenfahrten ab. Das günstigste bekommt laut Sprecherin Tanja Koch den Zuschlag. Eine Methode, die die Meinungen der Taxiunternehmer spaltet. Die einen – wie Kempens Taxi Heise und der Viersener Unternehmer Gereon Gelisen – ärgern sich über die Billigtarife, die Geschäft und Service kaputt machten. Die anderen – wie die Mietwagenzentrale Thomasstadt – freut’s wegen des Wettbewerbs.
„Wir haben keine Chance“
Die Barmer spart durch ihre Vergabe in der Region Kreis Viersen/Krefeld 27 Prozent Kosten – zum Wohle all ihrer Versicherten, sagt Koch. Die Unternehmen, die den Zuschlag bekommen, böten Preise ein Viertel unter dem vom Kreis Viersen vorgeschriebenen Kilometerpreis, also zwischen 80 und 90 Cent. „Da haben wir keine Chance“, sagt Hans-Jürgen Heise, Inhaber von Taxi Heise in Kempen. Auf der Seite der Versicherung hat er sich nicht registriert. Die niedrigen Preise gingen zu Lasten der Dienstleistung. „Wir holen einen Dialyse-Patienten, der im Rollstuhl sitzt, zu Hause aus dem Bett ab und bringen ihn bis zu seinem Bett im Krankenhaus“, sagt Heise, bei dem Krankentransporte 50 Prozent des Geschäfts ausmachen. Ein viel günstigeres Taxiunternehmen könne solch einen Aufwand nicht leisten. Drei Kempener Barmer-Mitglieder wüssten diesen Service so zu schätzen, dass sie sich nur von Heises Fahrern abholen lassen und die Differenz zum günstigeren Preis selbst zahlen.
Die Vergabe
Start 2005 startete die Barmer ihren „Internetmarktplatz für Patientenfahrten“ in Hannover und Mainz. Laut Befragung hießen die Versicherten die Umstellung gut. Jetzt gibt es die Internetvergabe in 30 deutschen Städten und Regionen.
Fahrten Die Krankentransporte umfassen Fahrten, die Patienten nicht allein bewältigen können. Zum Beispiel zur Dialyse.
Angebot Ein Taxiunternehmer gibt sein Angebot in einer bestimmten Zeit pro Patient und seine verordneten, vorhersehbaren Fahrten zum Arzt ab. Der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag.
Durch die Angebotsabgabe im Internet „müssen die Unternehmen für Dumpingpreise arbeiten. Ich kann mir nicht erklären, wie das wirtschaftlich sein soll“, klagt der Viersener Taxiunternehmer Gereon Gelisen. Gestiegene Spritpreise machten zusätzlich zu schaffen.
Bedenken kann Carsten Höner verstehen. Die Niedrigpreise, die manche anböten, kann er sich nicht erklären. Der Inhaber der Mietwagenzentrale Thomasstadt findet die Internetvergabe jedoch „nicht verkehrt. So gibt es einen Wettbewerb.“ Früher hätten die Arztpraxen immer dieselben Taxen gerufen. Seit den Internetaufträgen sei sein Umsatz bei der Barmer von null auf sieben Prozent gestiegen. Die Krankenkasse gehe mit der Zeit. „Und andere werden nachziehen“, prophezeit Höner, bei dem ein Viertel seiner Fahrten Krankentransporte sind. Niedrigere Preise könne der Unternehmer aus mehreren Gründen bieten: Wenn er Patienten abholen lässt, sollte diese Hin- keine Leerfahrt sein. Der Kempener macht möglichst viele Krankentransporte und lässt mit günstigeren Autos als Kollegen fahren. Als Mietwagenzentrale könne er unabhängig vom Taxitarif niedrigere Preise bieten. Und er stellt seine Flotte auf günstigere Gasautos um.
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