Kempen: Mut zum Fragen haben
VON SILVIA RUF-STANLEY - zuletzt aktualisiert: 28.01.2008Kempen (RPO). Seit 1996 ist der 27. Januar der nationale Gedenktag zum Holocaust. Die Kommunen des Kreises gedenken seitdem in einer gemeinsamen Veranstaltung der Verfolgten des Naziregimes. In diesem Jahr fand die Feier in Kempen statt.
Organisiert wird die Veranstaltung von Kreisvolkshochschule und katholischem Forum. Landrat Peter Ottmann betonte, dass dieser Tag, an dem der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht wird, stellvertretend für die Gräuel aller Verfolgten des Naziregimes steht. Ottmann hob hervor, dass hierbei neben der Millionenzahl von jüdischen Mitbürgern auch der politisch Verfolgten, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der durch Euthanasie gestorbenen Menschen gedacht werde.
Eine Feier, die nicht ohne Kritik im Vorfeld ablief, so Kempens Bürgermeister Karl Hensel. Denn mit der Einladung von Katrin Himmler, einer Großnichte von Heinrich Himmler, der die so genannte „Lösung der Judenfrage“ anordnete, wurde Neuland für eine solche Veranstaltung betreten. Bislang waren es Opfer oder Historiker, die sprachen. Katrin Himmler, selbst Politologin, hat sich in einem Aufsehen erregenden Buch mit der Geschichte der Täter, auseinandergesetzt. Dies aber aus dem Blickwinkel der nachgeborenen Generation.
Mittäter und liebevolle Eltern
Wie kann es, dass mein Großonkel, mein Großvater solche Taten vollbracht haben, war die zentrale Frage ihres Vortrags. Eingangs zitierte sie ihren Großonkel Heinrich Himmler mit seinen menschenverachtenden Reden. Und auch wenn ihr Großvater Ernst oder der dritte Bruder Himmlers, Gebhard, nicht in vorderster Reihe der nationalsozialistischen Täter standen, waren sie doch Mittäter. Gleichzeitig waren sie aber auch liebevolle Eltern, Onkel, Großväter. Wie konnten diese humanistisch erzogenen Menschen solche Taten vollbringen? Und waren, wenn schon nicht Täter, doch Profiteure der Judenverfolgung. „Niemals ist es uns so gut gegangen wie im Dritten Reich“, dieser Spruch besteht noch heute in vielen Familien, weiß Katrin Himmler. Und sie prangert gleichzeitig an, dass in vielen Familien die eigene Vergangenheit während des Nationalsozialismus einfach verdrängt wird.
Fragen Kinder und Enkel, gibt es keine Antwort oder geschönte Geschichten. Familienalben, die vielleicht belasten könnten, verschwinden. Es herrscht eher das Selbstmitleid der Täter und Mittäter als der Wille zur Aufarbeitung vor. „Häufig fehlen Mut und Kraft, unangenehme Fragen zu stellen“, weiß sie aus eigener Erfahrung. Und sie forderte aus diesem Wissen, eine „ernsthafte Erziehung zu Demokratie“ und Toleranz, damit es nie wieder zu solchen antirassistischen und ausgrenzenden Taten kommen kann. Dazu, so Katrin Himmler, gehört auch das Recht auf Bildung für alle Menschen. Hier gebe es noch viel zu verbessern, appellierte sie. „Schüler mit schlechter Vorbildung“ reagierten viel schneller auf leichtfertige Vorurteile und machen sich diese zu eigen.
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