Kempen: Rein in die Ausbildungsnische
VON SARAH DICKMANN - zuletzt aktualisiert: 27.03.2007Kempen (RPO). 13 Bewerber für eine Stelle – so sieht es in Kempen bei Berufen wie Tischler oder Elektriker aus. Umzugsfachkräfte oder Speditionskaufleute werden hingegen gesucht. Das Problem: Solche Berufe sind wenig bekannt.
Was genau macht ein Kaufmann für Dialogmarketing? Gibt es traditionelle Berufe wie Müller oder Gerber noch? Und wie arbeitet eigentlich eine Fachkraft für Umzugsservice? Fragen über Fragen, auf die Dr. Edgar Lapp und Anja Knoblich eine Antwort wissen. Der Leiter der Berufsberatung und die Pressesprecherin der Agentur für Arbeit Krefeld-Kreis Viersen stellten gestern in Kempen Ausbildungsmöglichkeiten in Nischenberufen vor. Denn: „Die beliebtesten Ausbildungsberufe haben sich seit gut 20 Jahren kaum verändert“, schildert Lapp. Junge Frauen wollen meist Arzthelferin, Bürokauffrau oder Friseurin werden, junge Männer bewerben sich als Kraftfahrzeugmechatroniker, Industriemechaniker oder Maler. „Das bedeutet: viel zu viele Bewerber für die vorhandenen Stellen.“
Acht freie Stellen
In Kempen kommen beispielsweise auf eine freie Stelle als Tischler 13 Bewerber. 24 junge Leute interessieren sich derzeit für eine Ausbildung zum Elektriker, freie Stellen gibt es in der Stadt jedoch nur sechs. „Und in unserem gesamten Agenturbezirk ist das Ungleichgewicht noch größer“, berichtet Edgar Lapp. Umgekehrt sieht es hingegen bei Berufen wie Logistikfachkraft oder Speditionskaufmann aus: „In beiden Bereichen gibt es acht freie Stellen, Bewerbungen liegen uns jedoch nicht vor.“ Der Leiter der Berufsberatung rät jungen Menschen, flexibel zu sein. „Jugendliche müssen von ihren Vorstellungen abweichen und erkennen, dass unbekannte Berufe nicht weniger erfüllend oder anspruchsvoll sind als die bisherigen Top 10.“ Auch Mobilität sei ein wichtiges Thema: „Nicht jeder Ausbildungsberuf kann gleich um die Ecke ausgeübt werden.“
Unternehmer gefragt
Firmen, die ungewöhnliche Ausbildungsplätze anbieten, werden gebeten, sich unter Tel. 0 21 51 / 92 22 22 im Berufsinformationszentrum Krefeld (BIZ) zu melden. „Jede einzelne Stelle ist wertvoll“, sagt Anja Knoblich.
Jugendliche können unter Tel. 0 21 51 / 92 26 19 eine Einzelberatung vereinbaren und die Informationsmöglichkeiten im BIZ Krefeld, Philadelphiastraße 2, zudem täglich ohne Anmeldung nutzen.
Öffnungszeiten Montags bis mittwochs 8 bis 16 Uhr, donnerstags 8 bis 18, freitags 8 bis 13 Uhr.
In jedem Jahr entwickeln sich etwa fünf neue Berufsfelder. So werden seit 2006 Kaufleute und Servicefachkräfte für Dialogmarketing ausgebildet. „Sie kümmern sich um Organisation, Kundenberatung und Produktpräsentation“, informiert Anja Knoblich. Abhilfe bei drohendem Umzugschaos schaffen Fachkräfte für Möbel-, Küchen- und Umzugsservice, Fachangestellte für Markt- und Sozialforschung planen und steuern Projekte für Marktforschungsunternehmen. Über die Entstehung neuer Berufe hinaus ändern bereits bekannte Berufsfelder wie Müller oder Gerber ihr Gesicht. Korbmacher heißen jetzt Flechtwerkgestalter, Tierarzthelfer Medizinische Fachangestellte, aus Verlagskaufleuten werden Medienkaufleute. Mit den neuen Namen wächst das Aufgabengebiet: „Der Trend geht zur Kombination mehrerer Felder“, weiß Edgar Lapp.
Er möchte mit Vorurteilen gegenüber weniger gefragten Ausbildungsberufen wie Bäcker oder Metzger aufräumen. „Leider haben die Jugendlichen in unserer von Medien geprägten Welt falsche Vorstellungen. Nur weil in Seifenopern im Fernsehen niemand einen Metzgerkittel trägt, bedeutet das nicht, dass die Arbeit im Lebensmittelhandwerk nicht äußerst spannend sein kann.“ Sogar für das Ausbildungsjahr 2007/08 sei es vielfach noch nicht zu spät.
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