Kempen: Schüler auf Zeitreise
VON JANNIK SORGATZ - zuletzt aktualisiert: 29.05.2009Kempen (RPO). "Happy Birthday, BRD": Mit einem Aktionstag feierte gestern die Liebfrauenschule den 60. Geburtstag der Bundesrepublik. Zeitzeugen sprachen mit Schülern über die ersten Jahre. In der Aula erklang die Nationalhymne.
Zeitzeugen
Herbert Küsters, 1937 in Grefrath geboren, erlebte Zweiten Weltkrieg und Nachkriegsjahre als Kind in seinem Heimatort. Küsters, Vorsitzender des Heimatvereins Grefrath, machte 1957 sein Abitur am Thomaeum in Kempen.
Karl-Heinz Hermans' Jahrgang (1929) wurde als letzter nicht mehr zum Kriegsdienst eingezogen. Von 1989 bis 1999 war Hermans ehrenamtlicher Bürgermeister von Kempen. Sein Amt als Stellvertreter wird er im Herbst zu seinem 80. Geburtstag abgeben.
Oedt/Kempen Hüte auf dem Kopf, Blumen im Haar und Fahnen in der Hand – die Schüler der Liebfrauenschule Mülhausen haben tief in die Schublade mit den schwarz-rot-goldenen Requisiten gegriffen. Anlass ist diesmal keine Weltmeisterschaft. Das Gymnasium feiert vielmehr den 60. Geburtstag des Grundgesetzes und der Bundesrepublik Deutschland.
Zeitzeugen lassen die Jahre um 1949 in Gesprächen mit Schülern wieder aufleben. In der Aula spielt das Bläserorchester die Nationalhymne. Ein zweckentfremdetes Deutschland-Fähnchen dient dem Dirigenten als Taktstock. Die Trompetenspieler heißen "Podolski" oder "Ballack". "Das soll natürlich keine Fußball-Fanmeile sein", sagt Geschichtslehrer Dr. Theo Rütten, der die "Geburtstagsfeier" organisiert hat. "Die Verbundenheit mit ihrem Staat sollten die jungen Leute aber auch so zeigen können."
Das Vorwissen der Schüler in puncto Nazi-Zeit und DDR schätzt Rütten als "gut" ein. Die Gründerjahre der Bundesrepublik seien dagegen eher nicht so präsent in den Köpfen. "Durch das Turbo-Abitur fällt fast ein ganzes Jahr Geschichtsunterricht weg", bedauert Rütten. "Es gibt kaum noch Zeit, um Themen intensiver zu behandeln."
Anderthalb Stunden lang begibt sich die Klasse 6a in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Vor der Tafel steht Herbert Küsters Rede und Antwort. Die Elf- und Zwölfjährigen lauschen erst gebannt den Anekdoten des heutigen Vorsitzenden des Heimatvereins Grefrath. Nach kurzer Zeit jedoch schnellen die Finger nach oben. Es sind vor allem Fragen nach dem Alltag in Kriegszeiten, die im Mittelpunkt stehen. "Amerikanische Bomber haben Kartoffelkäfer über den Feldern abgeworfen, um die Ernte zu zerstören", erzählt Küsters. "Die mussten wir Kinder dann wieder auflesen." Für jeden Käfer hätten sie einen Pfennig bekommen.
Auch Elftklässler Fabian Vousten will mehr aus erster Hand erfahren. Mit ein paar Freunden ist er extra in den 12er-Leistungskursus umgezogen. Kempens stellvertretender Bürgermeister Karl-Heinz Hermans lässt dort die Jugendlichen an seinen Erinnerungen teilhaben. "Die Einführung des Grundgesetzes 1949 haben wir gar nicht so wahrgenommen", sagt Hermans, damals 19. "Die Umstellung auf die D-Mark war viel einschneidender." Samstags habe er das Bier auf der Kirmes noch in Reichsmark bezahlt. Am Tag darauf verlangte der Wirt schon D-Mark. Heute schätzt Hermans vor allem die Freiheiten, mit denen die Jugend ausgestattet ist. "Meine Enkel sind mit 19, 20 schon durch die halbe Welt gereist", sagt er. "Das war früher nicht vorstellbar." Dennoch dürfe man gerade jetzt in Krisenzeiten "nicht vergessen, dass sich alles sehr schnell ändern kann". Frage des Tages
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