Korschenbroich: Otto von Habsburg nimmt Abschied
VON BIRGITTA RONGE - zuletzt aktualisiert: 28.08.2008 - 12:18Korschenbroich (RPO). Am Donnerstag kommen Otto und Karl von Habsburg, Sohn und Enkel des letzten österreichischen Kaisers, nach Korschenbroich. Dort wird der 95-jährige Erzherzog Otto 20 Schützen zum Ritter schlagen, bevor er am Sonntag im Aachener Dom das Amt des Großmeisters an Karl übergibt.
Wie redet man eigentlich den Sohn eines Kaisers an? Eine Frage, die den Bürgermeister der niederrheinischen Kleinstadt Korschenbroich in diesen Tagen bewegt. Heinz-Josef Dick hat Blaublüter zu Besuch: Der 95-jährige Erzherzog Otto von Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaisers, kommt mit seinem Sohn Karl (47) an den Niederrhein, um den dynastischen Wachwechsel zu vollziehen. Korschenbroich ist Schauplatz dieses besonderen Ereignisses, weil dort ab heute die Europäische Gemeinschaft Historischer Schützen (EGS), der Zusammenschluss von sechs Millionen Brauchtumsfreunden in zwölf Nationen, tagt.
Habsburg ist als Protektor der Europa-Schützen dabei und nimmt Abschied. Sein Sohn Karl, in Schützenkreisen schon bekannt, soll sein Amt übernehmen – und das zum Abschluss der Tagung am Sonntag bei einem Pontifikalamt im Aachener Dom. Der Bürgermeister von Korschenbroich ist immer dabei und hat die Begrüßungworte geübt. „Kaiserliche und Königliche Hoheit“, will Heinz-Josef Dick sagen. Wenn er aber den neuen Schützen-Chef Karl Habsburg begrüßt, muss der Bürgermeister aufpassen. Denn der junge Habsburger ist weniger förmlich. „Ich bin Karl Habsburg“, sagt der Kaiser-Enkel. „So einfach ist das.“ Dass auch er immer wieder mit royalen Titeln bedacht wird, stört ihn aber nicht: „Eigentlich ist es mir egal, wie ich angesprochen werde“, erklärt Karl Habsburg. „Ich glaube, die Leute sagen das als Reminiszenz an meine Familie.“ Schließlich haben die Habsburger über 700 Jahre als Könige und Kaiser regiert. „Der Titel aber ist nicht mein Verdienst“, sagt Karl Habsburg.
Otto von Habsburg nimmt in drei Veranstaltungen Abschied von seinen Schützen:
Ritterschlag durch Otto von Habsburg, morgen um 17 Uhr in der Pfarrkirche St. Andreas Korschenbroich.
Eröffnung der Ausstellung „Schützen, Glanz und Gloria“ am Samstag im Museum Schloss Rheydt.
Feierliche Amtsübergabe mit Investitur des neuen Großmeisters Karl Habsburg am Sonntag, 10 Uhr, im Aachener Dom.
Seit dem vergangenen Jahr ist er der Chef des Hauses Habsburg. Damals übertrug sein Vater Otto diese Funktion an den Sohn, sieben Jahre zuvor hatte er ihm bereits das Amt des „Großmeisters des Ordens vom Goldenen Vlies“ übergeben. Nun steht für Karl eine neue Würde an: Er soll „Großmeister des Ritterordens vom Heiligen Sebastianus in Europa“ und damit gleichzeitig auch Protektor der Europa-Schützen werden – Ämter, die der Vater bisher erfüllte. „Ich bin froh, dass es ihm mit 95 Jahren noch so gut geht“, sagt Karl Habsburg. „Aber so langsam überträgt er mir immer mehr Funktionen, die er bisher innehatte.“
Dabei hätte Karl einst viel mehr erben können als die Ämter in allerlei Organisationen: Wäre die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn nicht zum Ende des ersten Weltkriegs untergegangen, hätte sein Großvater Karl I., Kaiser von Österreich und König von Ungarn, nicht abdanken müssen – dann wäre es wohl erst an Otto und später an seinem erstgeborenen Sohn Karl gewesen, die Krone zu tragen.
Otto wurde von seinem Vater und seiner Mutter, Kaiserin Zita, schon als Kind auf die Rolle des Kronprinzen vorbereitet. Doch dann folgte 1919 das Exil, die Familie lebte zuerst in der Schweiz, später auf Madeira und in Spanien. Zurück nach Österreich konnte Otto lange nicht: Dazu hätte er nach dem Habsburger-Gesetz, das die neue Republik Österreich 1919 verabschiedet hatte, auf seine Herrschaftsansprüche offiziell verzichten müssen. Das aber tat Otto erst 1961. Einfach sei das nicht gewesen, sagt der 95-Jährige heute: „Ich habe einen Großteil meines Lebens außerhalb meiner ursprünglichen Heimat verbracht. Ich habe Jahre in Amerika gelebt, bis ich schließlich nach Bayern kam.“ Das war in den 50er Jahren, heute lebt er immer noch dort.
Otto hat mehrere Staatsbürgerschaften: von Deutschland, Österreich, Ungarn und Kroatien. Der Verlust der Heimat und die Sehnsucht nach Wurzeln – auch das ist ein Grund für Otto und Karl Habsburg, sich im Schützenwesen zu engagieren. „Gerade heute ist es wichtig, den Kontakt nach Hause nicht zu verlieren“, sagt Karl Habsburg. „Mit den Schützen gibt es Menschen in ganz Europa, die ihre Wurzeln fest in der Heimat haben und für ihre Traditionen und Überzeugungen einstehen.“
Weil für Otto von Habsburg die christliche Grundausrichtung wesentlich ist, hat er neben der Europäischen Schützengemeinschaft 1985 den „Ritterorden vom Heiligen Sebastianus in Europa“ initiiert – ein Zusammenschluss von inzwischen 250 Mitgliedern, die sich beim Ritterschlag zum Leitgedanken des Ordens verpflichten: „Für Gott, für ein vereintes, christliches Europa, für das Leben“. Den Ritterschlag vollzieht der Großmeister persönlich. Zum letzten Mal am morgigen Freitag um 17 Uhr in der Pfarrkirche St. Andreas in Korschenbroich, wo 20 neue Ordensritter aus fünf Nationen aufgenommen werden.
Der Orden, der sich im Vatikan um seine Anerkennung bemüht, setzt seine Schwerpunkte im Sozialen und in der Vermittlung christlicher Werte. Otto von Habsburg sieht in der Ritterschaft das verwirklicht, was in der europäischen Verfassung fehlt: das Bekenntnis zu Gott. „Ich glaube, dass dieses Europa als christlicher Erdteil christliche Werte zu vertreten hat“, sagt Otto von Habsburg. Sein Sohn Karl sieht im Schützenwesen die Chance, christliches Denken zu vermitteln, soziales Handeln und in der kulturellen Vielfalt „die Eigenheiten jedes Einzelnen zu tolerieren“. Auf die Aufgabe als Großmeister fühlt er sich durch den Vater bestens vorbereitet. „Schon als kleiner Bub wurde ich in Osttirol in einen Schützenverein aufgenommen, mein Vater hat mich stets zu vielen Festen mitgenommen“, erinnert sich Karl, selbst Vater von drei Kindern. Tradition ist für ihn nichts Rückwärtsgewandtes: „Man muss das Schützenwesen in einem modernen Kontext sehen. In Zeiten der Globalisierung braucht man Wurzeln und Heimat.“
Dem neuen Großmeister ist der Kontakt zu Menschen aller sozialen Schichten wichtig. Er wird in Korschenbroich nicht nur mit dem Bürgermeister ein Bier trinken: Schützen aus Polen, Kroatien und den Niederlanden, Schweden, Belgien, Österreich und weiteren europäischen Ländern werden mit ihm beraten, wie die zukünftige Ausrichtung des Ritterordens sein soll. Für Habsburg Höhepunkt der Europa-Schützentage: die feierliche Investitur am Sonntag im Aachener Dom. Sein Vater schlägt ihn zum Großmeister, der Kölner Weihbischof Heiner Koch gibt den Segen der Kirche hinzu.
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