kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Korschenbroich: Streit um "Bonhoeffer-Schulgebet"

VON HOLGER HINTZEN - zuletzt aktualisiert: 12.01.2009 - 11:30

Korschenbroich (RPO). Zum Unterrichtsbeginn sprachen die Kinder einer Korschenbroicher Gemeinschaftsgrundschule bislang mit gefalteten Händen Verse eines Bonhoeffer-Gedichtes. Das erregte Anstoß in einem Elternhaus. Das Schulamt in Neuss schritt ein. Seither müssen die Schüler auf das Gebet verzichten.

Das Schulamt des Rheinkreises hatte das Schulgebet mit dem Bonhoeffer-Text verboten, nachdem die konfessionslosen Eltern eines Kindes an der ehemals katholischen Grundschule sich beschwert hatten.  Foto: Detlef Ilgner
Das Schulamt des Rheinkreises hatte das Schulgebet mit dem Bonhoeffer-Text verboten, nachdem die konfessionslosen Eltern eines Kindes an der ehemals katholischen Grundschule sich beschwert hatten. Foto: Detlef Ilgner

An der Gemeinschaftgrundschule in Pesch, Stadtteil von Korschenbroich, herrscht dicke Luft. Seit eine der vier Klassen darauf verzichten muss, als morgendliches Gebet zu Beginn des Unterrichts Dietrich Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen. . .“ gemeinsam zu sprechen, rumort es in der Elternschaft. Vor allem in der Kritik steht das Schulamt im Kreis Neuss. Es hatte nach einer Elternbeschwerde gegen das Gebet interveniert.

Unstrittig ist der Auslöser der Auseinandersetzung: In der zweiten Klasse der Pescher Schule falteten die zwei Dutzend Jungen und Mädchen zu Beginn des Unterrichts die Hände und sprachen vier Zeilen des Liedes, das der evangelische Theologe Bonhoeffer 1944 schrieb – bevor er am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Im Elternhaus eines Kindes erregte dies Anstoß – und rief nach einer Beschwerde das Schulamt für den Kreis Neuss auf den Plan.

Dessen Rechtsauffassung ist eindeutig: Gebete sind an Gemeinschaftsgrundschulen nur im Religionsunterricht zulässig. Eine Gemeinschaftsschule ist die einstmals katholische Grundschule, seit 2005 alle konfessionellen Schulen umgewandelt worden sind. Schulrätin Ulrike Hund sieht sich im Einklang mit einschlägigen Gerichtsurteilen. Ergebnis: Der Text wird in Pesch nicht mehr gesprochen.

Für die katholische Elternschaft Deutschlands (KED) ist das ein Skandal. „Das Bemühen einer Lehrerin um einfachste religiöse Vermittlung wird mit Füßen getreten“, sagt Jutta Pitzen, Vorsitzende der KED im Bistum Aachen. Pitzens Amtsvorgängerin Liane Schoofs hegt zudem Zweifel an der Rechtsauffassung des Schulamtes. Immerhin besage Paragraph 12 der NRW-Landesverfassung: „In Gemeinschaftsschulen werden Kinder auf der Grundlage christlicher Bildungs- und Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere religiöse und weltanschauliche Überzeugungen gemeinsam unterrichtet und erzogen.“ Für Schoofs stellt sich die Frage: „Müssen wir jetzt die Landesverfassung ändern?“

Das NRW-Schulministerium sieht da offenbar keinen Bedarf. „Ein freiwilliges – überkonfessionelles – Schulgebet ist nach einer vom Bundesverfassungsgericht bestätigten Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts vom 30. 11. 1973 auch an Gemeinschaftsgrundschulen zulässig“, legt Sprecher Jörg Harm die Sicht des Ministeriums dar. Die ist mit Hinweisen versehen: „Niemand darf zum Schulgebet gezwungen werden. Wer an einem Schulgebet nicht teilnehmen möchte, muss diesem in zumutbarer Weise ausweichen können, das heißt unter anderem, dass er nicht ausgegrenzt oder psychisch beeinträchtigt werden darf.“

Andreas Weerth, Vorsitzender des Fördervereins der Schule, treibt eine andere Frage um. Für ihn und eine Gruppe von Eltern kommt das Gebetsverbot einem generellen Verbot von Texten Dietrich Bonhoeffers gleich. Was angesichts dessen Lebensleistung und dessen Widerstands gegen den Nationalsozialismus unerträglich sei. Weerth und seine Mitstreiter würden akzeptieren, wenn der Text ohne gefaltete Hände und nicht in Form eines Gebetes gesprochen würde. Auch mit einer anderen Strophe, in der das Wort „Gott“ nicht vorkommt, wären sie einverstanden. Eine Forderung geben sie aber nicht auf: „Erhalt des Bonhoeffer-Textes in irgendeiner Form“.

Ein Bonhoeffer-Verbot? Damit sieht sich Schulrätin Ulrike Hund gründlich missverstanden: „Wenn man den Text jeden Morgen sprechen lässt, kann man das als Gebetshaltung interpretieren. Wenn man aber mit den Kindern über Texte von Dietrich Bonhoeffer spricht, ist das im Unterricht sehr angebracht.“

Diese Diskussion hätte Andreas Weerth mit der Schulrätin gerne bei einem Elternabend geführt. Doch das Amt teilt lediglich im E-Mail-Verkehr Weerth seine Rechtsauffassung mit. Ansonsten wurden die Eltern an die Schule und deren Leiter verwiesen. „Dort müssen sich die Eltern zusammensetzen und eigenverantwortlich eine Lösung finden“, sagt Hund.

Schulleiter Wolfgang Grüe ist über die Debatte nicht entzückt, sieht sich aber in der Pflicht, die „offizielle Linie“ zu vertreten. „Wenn es Beschwerden gegen christliche Betätigung im normalen Unterricht gibt, hat die Schule das zu untersagen. Das ist juristisch de facto richtig – wie auch immer man dazu steht“, sagt Grüe.

Mit der Lehrerin der Klasse habe er nach Alternativen zum Bonhoeffer-Text gesucht – Lieder oder Texte, die geeignet seien, die Kinder in einer Ruhephase auf den Unterricht einzustimmen, aber keine Gebete seien. Die Lehrerin ist jedoch derzeit erkrankt. „Wie ihre Vertretung das handhabt, weiß ich nicht“, sagt Grüe. Und: Er gehe davon aus, dass die Kollegin nach Rückkehr die alternative Praxis fortführe. Andreas Weerth reicht das nicht: „Da wurde eine Schweigeminute eingelegt und still Einkehr gehalten – das ist kein Ersatz für den Text.“

Info
Dietrich Bonhoeffer

1906 wurde Dietrich Bonhoeffer in Breslau geboren.

1930, bereits habilitiert, war er Privatdozent für Evangelische Theologie in Berlin.

Etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an.

1940 erhielt er Redeverbot, 1941 Schreibverbot, 1943 wurde er verhaftet und 1945 hingerichtet.

Foto
Andreas Weerth ist Vorsitzender des Fördervereins der Schule in Pesch. Foto: Detlef Ilgner
Quelle: RP

 
weitere Artikel
 
Links zu diesem Artikel
 

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Beide Gladbacher Schläger sind frei

Mönchengladbach

Beide Gladbacher Schläger sind frei

Die beiden 15-Jährigen, die jetzt festgenommen wurden, weil sie zwei Frauen im Hauptbahnhof ... mehr 

Eltern wollen Sekundarschule

Hilden

Eltern wollen Sekundarschule

Das Schulamt hat 871 Mütter und Väter in Hilden befragt. Fast 87 Prozent haben geantwortet. ... mehr 

Video

Video

Grefrather Eisbahn wird zur Filmkulisse

Die Schlittschuhläufer laufen eine Runde nach der anderen. Auf der Außenbahn des Grefrather Eisstadions ist dieses Mal alles etwas anders . ... mehr 

Kurios: Flugzeuge verhaken sich ineinander

Auf dem Chicagoer Flughafen sind sich zwei sehr ungleiche Flugzeuge ins Gehege gekommen. Eine Boeing 747 wollte sich auf den Weg machen, als ... mehr 

Aus der Nachbarschaft

Tippspiel

Wir suchen den EM-Experten

Deutschland Niederlande Jubel Özil Klose Müller 2011 dpa

Wer übersteht die Vorrunde? Wer schafft es bis ins Finale? Das EM-Tippspiel von RP Online gibt Ihnen die Gelegenheit, Ihr fußballerisches Know-How unter Beweis zu stellen. Die besten Tipper erwarten tolle Preise. Jetzt anmelden und mitmachen! mehr 

Meistgelesen

Umstrittene Äußerung zum Islam

Muslime werfen Gauck Geschichtsfälschung vor

Bundespräsident Joachim Gauck hat sich von der Einschätzung seines Vorgängers Christian Wulff distanziert, der Islam gehöre zu Deutschland. Damit brachte er den Zentralrat der Muslime gegen sich auf. Gauck betreibe Geschichtsfälschung. mehr

 

Stürmer für Borussia Mönchengladbach

De Jong hat noch keinen Favoriten

 

Notfall-Szenarien für Griechenland

Wird die neue Drachme schon gedruckt?

 

"Mobiler temporärer Ausschluss"

Vorhang soll Bengalos unterbinden

 

"Germany's Next Topmodel"

Vier im Finale, Sara muss gehen

Meistkommentiert

Fortuna Düsseldorf

Lambertz akzeptiert Zwei-Spiele-Sperre

Kapitän Andreas Lambertz vom Bundesliga-Aufsteiger Fortuna Düsseldorf akzeptiert die vom Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) geforderte Strafe von zwei Spielen Sperre. mehr

 
 
 

Nach Undercover-Recherche

GLS weist Wallraff-Vorwürfe zurück

 
mehr nachrichten aus korschenbroich
Ulrike Freier rollt schon einmal den roten Teppich für die Kunden aus: Die Geschäftsfrau gehört zu den Organisatoren des Abendbummels, der am 29. Juni seine Premiere feiern wird.

Korschenbroich

Abendbummel feiert Premiere

Lange Ladenöffnungszeiten sind im ländlichen Raum noch selten. Nach Moonlight-Shopping in Grevenbroich und Latenight-Shopping in Neuss gibt es jetzt einen Abendbummel in Korschenbroich. Der Termin: Freitag, 29. Juni. VON Ruth Wiedner  mehr

 
Verblassen die Traditionen in Korschenbroich? Noch kritisieren nur einzelne Bürger das Läuten der Kirchturmglocke – und die Schützenbräuche.

Korschenbroich

Traditionen sorgen für Streit

Erneut beschwerte sich ein Anwohner beim Pfarramt über die Glocken von St. Andreas, beim Errichten einer Minister-Residenz entbrannte ein Nachbarschaftsstreit: Korschenbroich kämpft um sein Erbe. VON Fabian Eickstädt  mehr

 
 
 
 
 

Unges Pengste 2012

Ein Winzer feiert Unges Pengste

Bilder aus Korschenbroich
Unges Pengste 2012: Grüße vom Familienfrühschoppen
Unges Pengste 2012: Grüße vom Familienfrühschoppen
Unges Pengste 2012: Grüße vom Familienfrühschoppen mehr 
 
Unges Pengste 2012: Grüße vom Familienfrühschoppen
Unges Pengste 2012: Grüße vom Familienfrühschoppen
Unges Pengste 2012: Grüße vom Familienfrühschoppen
mehr 
Aufmarsch der Königinnen
Aufmarsch der Königinnen
Am Montagabend präsentierten sich die Majestäten mit ihren Königinnen.
mehr 
Bunter Blumenkorso bei Unges Pengste am Montag
Bunter Blumenkorso bei Unges Pengste am Montag
Königsparade am Montag, 28. Mai 2012
mehr 
 
Regio Extras