Korschenbroich: Was Korschenbroich wert ist
VON HOLGER HINTZEN - zuletzt aktualisiert: 07.01.2010Korschenbroich (RPO). Das kostbarste Stück ist das Gymnasium: Es hat einen Wert von 13,7 Millionen Euro. Das Hoeren-Denkmal dagegen schlägt mit einem Euro zu Buche. Solche Zahlen stehen in einer Bilanz der Korschenbroicher Finanzen, die nach neuen Regeln erstellt wurde. Diese zwingen, langfristiger zu planen.
Auf dem Papier macht sich Asphalt richtig gut: 72,6 Millionen Euro ist Korschenbroichs Straßennetz nebst Plätzen und Ampelanlagen wert. Große Sprünge machen kann Kämmerer Bernd Dieter Schultze damit aber nicht. Denn 72,6 Millionen Euro sind zwar ein in mühsamer Begutachtungs- und Erfassungsarbeit erhobener Wert im Anlagevermögen der Stadt. Aber da kaum jemand Straßen kauft und mithin kaum jemand 72,6 Millionen Euro für die Straßen hinblättern würde, ist der Betrag vor allem in der Bilanz von Bedeutung. Dort aber von großer: Denn er macht mehr als ein Viertel des gesamten Anlagevermögens aus, das die Stadt am 1. Januar 2008 besessen hat.
In gut zweijähriger Arbeit ausgerechnet hat die Stadt ihr Vermögen und weitere Unmengen von Bilanzposten, weil das Gesetz den Städten mit dem "Neuen kommunalen Finanzmanagement" neue Spielregeln fürs Erstellen ihrer Haushalte auferlegt hat. Diese nähern sich zwar den Bilanzregeln von Unternehmen an, so Schultze. Aber sie sind dennoch ein eigenständiges und spezielles Werk. Auf diese Weise Buch zu führen, zwingt Politiker und Kämmerer, langfristiger zu denken. "Man muss sich nun nicht nur überlegen, kann ich mir beispielsweise leisten, eine neue Schule zu bauen. Man muss auch fragen, ob man sich die Folgekosten leisten kann", sagt Schultze.
Bilanzposten
Vermögenswerte Das Gesamtvermögenbetrug am 1. Januar 2008 etwa 256 Millionen Euro. 25,6 Millionen Euro davon entfielen auf unbebaute Grundstücke. Mit 106,8 Millionen Euro schlagen bebaute Grundstücke zu Buche, die Schulen mit 57 Mio. Euro. Der Wert der Kunstgegenstände und Denkmale beträgt nur 44 Euro.
Schulden 85,177 Millionen Euro
Flüssige Mittel Von Bankkonten und aus Bar-Beständen hätte die Stadt am 208 516 Euro ad hoc locker machen können.
Dafür sorgt auch die Verpflichtung, eine Investition in ein Gebäude, eine neue Straße oder ein neues Feuerwehrfahrzeug über viele Jahre in den folgenden Bilanzen abzuschreiben – 50 bis 60 Jahre lang bei Gebäuden beispielsweise, etwa zehn für darin installierte technische Anlagen. So wird Jahr für Jahr berücksichtigt, was das Gebäude oder Fahrzeug im Lauf der Zeit an Wert verliert. Diesen "Vermögensverzehr" erstmals ermittelt zu haben, war für Schultze ein wichtiger Erkenntnisgewinn der Eröffnungsbilanz.
Der Vermögensverzehr belastet die Bilanz. Idealerweise wird er durch ausreichende Einnahmen Jahr für Jahr auch wieder ausgeglichen – schließlich sollte das Vermögen ja nicht irgendwann restlos aufgezehrt sein. In der Praxis gelingt es den finanziell gebeutelten Kommunen derzeit aber nicht, den Verzehr wieder voll auszugleichen.
So wichtig es für die eigene Bilanz und Finanzplanung ist zu wissen, dass etwa das Gymnasium 13,7 Millionen Euro wert ist, die Realschule zehn und ein Denkmal wie das am Hoeren-Platz nur ein Euro: Wenn Schultze bei Banken wieder mal einen Kredit für die Stadt braucht, kann er mit diesem Buch-Vermögen nicht als Sicherheit protzen. Braucht er aber auch nicht. Denn so lange Kommunen laut Verfassung nicht pleite gehen können, weil das Land für sie geradestehen muss, ist Korschenbroich als Schuldnerin bei Bankern hochwillkommen.
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