Krefeld: Abschiebung aufgeschoben
VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 11.04.2008Krefeld (RPO). Die selbstmordgefährdete Türkin Ebru Y. soll in ihr Heimatland abgeschoben werden. Am Mittwoch schickte das Ausländeramt sie trotz der Diagnose zur Abschiebung an Düsseldorfs Flughafen. Erst ein Arzt verweigerte den Flug.
Als der Kontrolleur am Mittwochmorgen in die Tasche von Ebru Y.* (60) schaut, entdeckt er eine große Plastiktüte mit Medikamenten. „Kümmern Sie sich drum“, bittet er Joachim Vorneweg, den Abschiebebeobachter an Düsseldorfs Flughafen. Der nimmt sich des Falles an. „Wo haben Sie die Medikamente her?“, fragt er die türkische Frau vor Betreten des Flugzeugs, mit dem sie in ihr Heimatland abgeschoben werden soll.
Ebru Y. antwortet ihm nicht. Sie spricht kaum deutsch, ist geistig verwirrt. Die 60-jährige Türkin hält sich illegal in Deutschland auf. Vor drei Jahren kam sie. Zwischenzeitlich war sie in der Psychiatrie. Selbstmordgefahr. Sie gab an, in türkischen Gefängnissen gefoltert worden zu sein. Am Mittwoch Morgen sollte eigentlich ihr Weg in das Land gehen, vor dem sie sich fürchtet: Türkei. Jetzt bleibt sie vorerst in einem Land, vor dem sie ebenfalls Angst hat: Deutschland.
Das Ordnungsamt
Das sagt Helmut Drüggen, Leiter Ordnungsamt: „Aus der Ausländerakte ergeben sich keine Hinweise auf Suizidversuche. Es wird lediglich von Depressionen und einer latenten Suizidalität gesprochen. Die Abschiebung kam wegen einer notwendigen Abklärung einer kardiologischen Erkrankung nicht zur Durchführung.“
60 Personen aus NRW sollen mit Ebru Y. per Charterflug nach Istanbul gebracht werden, am Ende fliegen nur 32. Die Bundespolizei entscheidet, dass ein Arzt sich vor dem Flug mit der Türkin befassen soll. Die Diagnose des Mediziners: flugunfähig. Ebru V. kehrt am Mittag zurück nach Krefeld. Doch für wie lange? – Die Ausländerbehörde will die Sozialhilfeempfängerin abschieben. Jene Behörde, der Mitglieder des Flüchtlingsrats vorwerfen, zu hart und zu oft abzuschieben. Christoph Bönders, migrationspolitischer Sprecher der Grünen, sagt: „In Krefeld gibt es keine normale Flüchtlingspolitik.“
„Eine ganz arme Frau“
Auch Klemens Ross, Essener Anwalt von Ebru Y., kritisiert die Behörde: Seine Mandantin hätte vorher vom Amtsarzt auf Flugfähigkeit untersucht werden müssen. Er sagt: „Krefelds Behörde zählt zu den härteren in NRW.“ Ebru Y.’s Zustand gibt ihm Rätsel auf: „Eine ganz arme Frau. Sie gibt an, keine Verwandten zu haben. In Deutschland kennt sie niemanden. Ich fürchte, in der Türkei wird sie weitere Selbstmordversuche begehen.“
Johannes Vorneweg wird Ebru Y. bald am Flughafen wiedersehen. Das Krefelder Ausländeramt hat der Türkin nahegelegt, bis zum 19. April das Land freiwillig zu verlassen.
*Name von der Redaktion geändert
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