Krefeld: Ärzte warnen vor Datenklau
VON MARTIN RÖSE - zuletzt aktualisiert: 04.02.2009Krefeld (RPO). Mehr als 90 Krefelder Ärzte machen mobil gegen die elektronische Gesundheitskarte. Sie soll in Zukunft die Karte der Krankenkasse ersetzen. Ärzte befürchten mehr Bürokratie, höhere Kosten und Datenmissbrauch.
"Man muss doch nur mal an die Datenpannen der letzten Monate denken oder an die Bespitzelungsaffäre bei der Bahn." Dr. Ulrich Woestmann (53) macht sich große Sorgen um die Datensicherheit seiner Patienten. Noch sei die gewährleistet, denn alle sensiblen Daten liegen in seiner Praxis. Doch demnächst sollen die intimen Patientendaten auf einem zentralen Server im Internet liegen – wenn die neue elektronische Gesundheitskarte kommt. "Da muss nur mal ein Hacker kommen, und schon kann jedermann im Internet abrufen, dass Frau Müller von nebenan HIV-positiv ist", warnt der Arzt für Allgemeinmedizin.
Woestmann ist nicht allein. Mehr als 90 niedergelassene Ärzte in Krefeld wollen die Gesundheitskarte derzeit boykottieren, Tendenz steigend. "Wir haben erst vor wenigen Tagen angefangen, uns zu organisieren", erklärt Dr. Bernhard Lüdemann. Ausschlaggebend war eine Einladung der Kassenärztlichen Vereinigung zu Seminaren über die neue Gesundheitskarte. "Die Grundidee ist ja nicht schlecht, dass der Patient seine Untersuchungsergebnisse immer dabei hat", findet Lüdemann. So könnten Doppeluntersuchungen vermieden werden. Doch bei der E-Card würden die Daten gar nicht auf der Karte selbst, sondern auf einem zentralen Server im Internet gespeichert. Lüdemann: "Warum gibt man den Patienten nicht einfach einen codierten USB-Stick mit?"
Befürchtungen
Dr. Bernhatd Lüdemann befürchtet, dass verschiedene Interessengruppen Nutzen aus den hoch sensiblen Patientendaten ziehen können, wenn diese durch eine Panne frei verfügbar sind.
Arbeitgeber Sie könnten erfahren, welche chronische Erkrankung ihre Angestellten haben.
Versicherungen Kranken- und Lebensversicherungen, aber auch Banken könnten die Daten gut gebrauchen.
Zumal die elektronische Gesundheitskarte mit dem Foto des Patienten deutlich mehr Bürokratie in die Praxen bringe. "Zurzeit dauert es zwei Sekunden, ein Rezept auf Papier auszustellen. Künftig muss der Computer eine Internetverbindung haben und der Arzt muss seine elektronische Signatur selber daruntersetzen. Das dauert zehnmal so lange, bringt mehr Arbeit für den Arzt und macht die Arzthelferin arbeitslos." Für ihn ist die Gesundheitskarte deshalb "ein Blödsinn, der kaum noch zu toppen ist". Denn die neue Karte bedeute auch Mehrkosten für die Arztpraxen. "Wir haben das mal für unsere Praxis durchgerechnet: Die Kassenärztliche Vereinigung übernimmt die Kosten für maximal zwei Lesegeräte. Wir müssen aber weitere Rechner mit einem Internetanschluss versehen. Das kostet allein unsere Praxis rund 10 000 Euro."
Die Krefelder Krankenkasse BKK Futur, die rund 110 000 Versicherte vertritt, rät ihren Kunden hingegen zum Umstieg auf die neue Karte. "Die Entscheidung, wie viele und welche Gesundheitsdaten auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden, trifft der Versicherte selbst", heißt es in einer Informationsschrift. "Auch bleibt die Entscheidung, wer wann welche Daten lesen darf, beim Versicherten." Die Krefelder Ärzte rufen ihre Patienten zum Ungehorsam auf. "Schicken Sie Ihrer Krankenkasse kein Passbild". Ohne das Passfoto kann die Kasse nämlich keine E-Card ausstellen.
Die neuesten Nachrichten und Berichte aus Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport,
Kultur, Gesellschaft, Wissenschaft, Multimedia, Auto,
Reise und Beruf - im Archiv auch gratis recherchierbar. Dazu die besten Bilder,
Live-Ticker, Kolumnen und Hintergrundberichte.



