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Krefeld: Als die Mitschülerinnen verschwanden

VON MARTIN RÖSE (TEXT) UND THOMAS LAMMERTZ (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 28.01.2011

Krefeld (RPO). Seit 15 Jahren wird am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz der NS-Opfer gedacht. In Krefeld richtet jedes Jahr eine andere Schule die Gedenkveranstaltung aus.

Die Statue vor dem Ricarda-Huch-Gymnasium stammt aus der Zeit, als die Schule noch ein Lyceum für die höheren Töchter Krefelds war. Gestern verfremdeten die Schüler sie mit Hilfe von Stacheldraht, einem Davidstern und einer Flamme zu einem Denkmal, das an die Zeit erinnert, als die jüdischen Mitschülerinnen die Schule verlassen mussten. Recherchen der Schüler ergaben, dass mindestens vier ehemalige Schülerinnen in Konzentrationslager deportiert wurden. Foto: RPO
Die Statue vor dem Ricarda-Huch-Gymnasium stammt aus der Zeit, als die Schule noch ein Lyceum für die höheren Töchter Krefelds war. Gestern verfremdeten die Schüler sie mit Hilfe von Stacheldraht, einem Davidstern und einer Flamme zu einem Denkmal, das an die Zeit erinnert, als die jüdischen Mitschülerinnen die Schule verlassen mussten. Recherchen der Schüler ergaben, dass mindestens vier ehemalige Schülerinnen in Konzentrationslager deportiert wurden. Foto: RPO

Das Ricarda-Huch-Gymnasium blickte in die eigene Vergangenheit zurück – als die Schule nach Karin Göring benannt war und vor dem Gebäude die Flagge der Hitlerjugend wehte.

Von einer städtischen Gedenkveranstaltung an die NS-Gräuel mag man erwarten: getragene Musik, eine gut formulierte Rede des Stadtoberhaupts, beklemmende Bilder und Texte. Doch was gestern die Schüler des Ricarda-Huch-Gymnasiums den mehr als 200 Gästen zeigten, war nicht zu erwarten – und umso schockierender und ergreifender. Ein Geschichtskurs der Jahrgangsstufe 13 brachte den Besuchern nahe, wie es während der Nazi-Herrschaft in diesem Schulgebäude zugegangen war.

In Uniform marschierten die Schüler in der abgedunkelten Aula ins nachgestellte Klassenzimmer auf die Bühne, studierten die große Rassenkunde-Karte neben einem Bildnis Adolf Hitlers. Dazu gab es Fakten – zum Beispiel, dass am 19. Februar 1936 die Flagge der Hitlerjugend erstmals vor dem Schulgebäude gehisst wurde.

Seit Wochen hatten die Schüler Akten im Schularchiv gewälzt, waren ins Stadtarchiv gefahren, startete per Internet Anfragen an die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Immer mehr jüdische Mitschülerinnen wurden seit 1933 von der Schule abgemeldet. Die Schüler recherchierten hinterher. Einige waren ins Ausland geflohen, leben dort zum Teil noch heute. Mindestens vier wurden in Konzentrationslager deportiert.

Die Statue vor dem Schulgebäude verfremdeten die Schüler gestern in Erinnerung daran zu einem Denkmal.

Geschichtslehrer Andreas Behling organisierte das Programm der Gedenkstunde mit. "Eines hat die Schüler überrascht", erklärte er. "Sie fragten: Warum hat eigentlich niemand vor uns diese Suche gestartet?" Eigentlich haben die Schüler, die in der Aula auftraten, mit Geschichte nicht viel am Hut. Kurz vor dem Abitur belegten sie einen Pflicht-Zusatzkurs.

Erst wollten die Schüler eine Gedenktafel für die jüdischen Mitschülerinnen errichten. Nun soll es ein Denkmal werden. Entwürfe der Schüler konnten die Besucher der Gedenkveranstaltung bereits besichtigen. Gespräche mit möglichen Sponsoren laufen. Schulleiter Uwe Roscheck erklärte: "Das Interesse und Engagement der Jugend sollte uns allen Zuversicht geben."

Info

Schule in der NS-Zeit

Wie sich die Nazis an dem Lyceum breitmachten, zeigt ein Zeitstrahl, den die Schüler anfertigten. Hier die Daten:

1933 Der Schulleiter muss der NSDAP beitreten, um im Amt zu bleiben. Zu Beginn und Ende jeder Unterrichtsstunde wird der Hitlergruß gezeigt.

1934 Alle verbeamteten Lehrkräfte der Schule werden auf Adolf Hitler vereidigt.

1935 Die Schülerinnen werden erstmals in dem Fach Rassenbiologie unterrichtet.

1936 Über dem Eingangsbereich der Schule wird die Flagge der Hitlerjugend gehisst. 90 Prozent der Schülerinnen sind Mitglied, tragen in der Schule die Uniform.

1938 Das Bild des Führers wird in jedem Klassenraum aufgehängt. Jüdische Schülerinnen dürfen nicht mehr kommen. Die Schule wird zur Karin-Göring-Schule, nach der Ehefrau von "Generalfeldmarschall" Hermann Göring.

1939 Ein Luftschutzkeller wird eingerichtet.

1941 13. Mai: Die sechste Stunde fällt aus wegen Flakbeschießung.

Schüler der 8. Klasse werden zum Kriegsdienst eingezogen.

Fotos
Mehr als 220 Gäste wohnten gestern in der Aula des Ricarda-Huch-Gymnasiums der Gedenkstunde bei, darunter auch die Generalkonsulin der USA in Düsseldorf, Janice G. Weiner, der Leiter der Jüdischen Gemeinde Krefeld, Johann Schwarz, Oberbürgermeister Gregor Kathstede und Polizeipräsident Rainer Furth. Foto: RPO
Erklärend Die Schüler bauten eine Miniaturfassung eines Konzentrationslagers. Auf Infotafeln wurde der Ablauf erklärt – und auch, dass viele KZ-Insassen aus Verzweiflung den Freitod im 5000-Volt-Stromzaun suchten. Foto: RPO
Beklemmend Auf der Bühne der Aula zeigte der Geschichtskurs der Jahrgangsstufe 13 unter Leitung von Ruth Müller, wie Unterricht während der NS-Zeit aussah: Schülerinnen trugen HJ-Uniform, lernten Rassenlehre. Foto: RPO
Schattenrisse Schüler der Klasse 7b erinnerten mit Schattenrissen an die jüdischen Mitschülerinnen, die nach 1933 das Lyceum verließen. Foto: RPO
Quelle: RP

 
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