Krefeld: Carrera-Bahn als Kunstwerk
VON HANS DIETER PESCHKEN - zuletzt aktualisiert: 26.06.2010Krefeld (RPO). Designer Malte Jehmlich hat aus Kartons eine Rennstrecke gebaut. Die Installation, die mit verschiedenen Formen der Wahrnehmung spielt, funktioniert auch als Spiel. Zu sehen ist sie beim Tag der offenen Tür in der "Fabrik Krefeld".
Der Fahrer klettert in die enge Sitzposition, nimmt das Lenkrad in beide Hände und tritt das Pedal durch – schon saust das "Rennauto" mit 30 Stundenkilometern über die Strecke. Zuvor musste er aber eine Münze – einen Euro oder die alte D-Mark – einwerfen, denn der "Rennfahrer" sitzt in einem alten Rennspielautomaten aus den 1970ern. Es klingt wie ein Freizeitangebot für Autofans. Aber es ist gedacht als Kunstinstallation, die heute und morgen im Atelier "Die Fabrik" zu erleben ist.
Der Medienkünstler Malte Jehmlich hat sie gebaut – und spielt dabei mit der Wahrnehmung. Der Fahrer im Auto-Automat schaut auf einen Bildschirm, der ihm 20 Meter kurvenreiche Strecke zeigt, die Jehmlich aus Kartonelementen gebaut hat. Das Auto darin hat zwar vier Räder, besteht aber sonst nur aus Elektronikteilen, wie Akku, Scheinwerfern und einer Kamera. Die überträgt per Funk das, was das Auto "sieht", auf den Bildschirm. Und liefert so die Informationen, die der Fahrer zum Lenken und Gasgeben braucht.
Offene Tür
Projekt "auf!" – Tage der offenen Tür der "Atelier Werkstatt Initiative" im Atelierhaus "Die Fabrik Krefeld"
Zeit Samstag, 26. Juni, von 11 bis 23 Uhr, Sonntag, 27. Juni, von 11 bis 18 Uhr.
Ort Ehemalige Puddingfabrik, Vom-Bruck-Platz 44, erreichbar durch den Toreingang über Weselshofstraße.
Rundenrekord: Elf Sekunden
"Ich finde es gut, dass man die Technik sieht", sagt Jehmlich, und hat dem Auto mit Absicht kein Rennwagen-Chassis gebaut. Auch die Kartonteile der Bahn bleiben so: "Ich denke, das ist auch ästhetisch gelungen", sagt der Rennbahn-Bauer, dem als Designer die Arbeit mit Papier nahe liegt. Das Programm für die Raserei hat Jehmlich selber entworfen, sogar die Geschwindigkeit des Autos könnte er erhöhen, aber dann wird die "Unfallgefahr" zu groß. "Natürlich ist das ein Spiel", sagt er.
Und ist es auch Kunst? "Ja", sagt Jehmlich, "es ist, was es ist." Sein Konzept basiert auf der Idee, "den Prozess des Sichversenkens im Computerspiel analog erfahrbar zu machen." Dieser "Racer" ist sein "persönliches Ding", aber auch ein Projekt der Gruppe "sputnic", zu der er gehört. Einmal war das Objekt schon im Howinol-Werk aufgebaut, und alle die für drei Minuten Rennfahrer sein durften, waren begeistert. Jetzt steht es für zwei Tage bei "auf!" in der alten Puddingfabrik am Vom-Bruck-Platz bei den Tagen der offenen Tür, an denen ein gutes Dutzend Künstler beteiligt ist.
Der "Rundenrekord", den es für die Besucher zu unterbieten gilt, steht bei elf Sekunden. Eine Lichtschranke bei Start/Ziel misst exakt die Geschwindigkeit. Wird der Wagen zu nah an den schrägen Rand gesteuert, fliegt er aus der Bahn. Bleibt er drin, gibt es auch einen Rückwärtsgang, um ihn wieder auf Kurs zu bringen. Mit dem Auto zu fahren wie im Alltag, reicht hier nicht. Auch den "Schumi" zu machen, führt nicht zum Erfolg. "Computerspiel-affine" Fahrer haben einen Vorteil, obwohl sie hierbei erstmals ein "richtiges" Auto bewegen. Aber eben doch über den Bildschirm und nicht wie auf der "Carrera"-Bahn mit der Fernsteuerung in der Hand.
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