Krefeld: Chancen und Risiken des Einkaufszentrums
VON JOCHEN LENZEN UND MARTIN RÖSE - zuletzt aktualisiert: 25.02.2010 - 15:25Krefeld (RPO). AM Donnerstag hat derHamburger Shopping-Mall-Betreiber ECE den Krefelder Fraktionsspitzen seine Pläne für ein Einkaufszentrum in der Innenstadt präsentiert. Favorit der Hamburger ist eine Lösung auf dem Theaterplatz. Wir stellen Vor- und Nachteile gegenüber.
Krefelds Oberbürgermeister Gregor Kathstede (CDU) soll wütend gewesen sein, als die potenziellen Investoren des Hamburger Shopping-Mall-Betreibers ECE vor knapp einem Monat nur eine Variante für ein Einkaufszentrum in Krefeld präsentieren wollten. Bis dahin waren drei Varianten im Gespräch – der OB setzte die ECE-Vertreter kurzerhand vor die Tür.
Heute sind sie wieder eingeladen; sollen nun mehrere mögliche Varianten für ein großes Shopping-Center präsentieren. Dabei hätte gerade die von ECE bevorzugte Variante, die vom Ostwall-Kaufhof über den Theaterplatz bis hin zur Friedrichstraße reicht, für die Stadt entscheidende Vorteile:
Gutachten
Vor der Entscheidung über ein Einkaufszentrum fordern SPD und CDU ein Gutachten.
Inhalt Aussagen über Struktur, Stärken und Schwächen des Krefelder Innenstadt-Einzelhandels, Verkehrs- und Verkaufsströme.
Zeitplan Bei Vergabe im März könnte das Gutachten in einem Jahr vorliegen.
Die Chancen
Sie löst das Problem Seidenweberhaus: Der weit mehr als 30 Jahre alte Betonberg mit dem zweifelhaften Charme der siebziger Jahre bröckelt an allen Ecken und Enden. Er ist energetisch eine Katastrophe und finanziell auch. "Wenn wir nichts tun, müssen wir jedes Jahr mehr Geld zuschießen", erklärte der Geschäftsführer der Seidenweberhaus GmbH den Politikern jüngst im Finanzausschuss. Büroräume stehen leer, und auch bei Konzertveranstaltern sind die schlechte Akustik des Saals und sein Pfarrheimcharakter eher berüchtigt als berühmt. Kommt das Einkaufszentrum auf den Theaterplatz, wird auch eine moderne Veranstaltungshalle darin integriert. Die Stadt spart Geld.
Und sie löst das Problem Theaterplatz: Er ist nur deshalb der Treffpunkt von Drogensüchtigen, weil der Theaterplatz von den Krefeldern nie richtig angenommen wurde; zu weit entfernt liegt er vom Kernanlaufpunkt der City: dem Haltestellenbereich an der Rheinstraße. Durch ein stark frequentiertes Einkaufszentrum und die moderne Mediothek würde der Platz an Attraktivität gewinnen und diesen Bereich der Innenstadt deutlich aufwerten. Die Stadt gewinnt einen attraktiven Platz im Herzen der City.
Sie löst das Problem Papst-Johannes-Haus: Bezieht ECE den Volksbank-Bau an der Friedrichstraße in seine Planung mit ein, hätte die Volksbank einen Käufer für ihre Immobilie – und damit das nötige Geld für ihren geplanten Neubau anstelle des architektonisch angestaubten Papst-Johannes-Hauses an der St.-Anton-Straße.
Sie löst das Problem Sparkasse: Das Sparkassen-Gebäude an der St.-Anton-Straße sollte eigentlich zum Sitz der Krefelder Stadtverwaltung werden; diesen Plan hat Oberbürgermeister Gregor Kathstede mangels Geld inzwischen aufgegeben. Der architektonische Schandfleck könnte nun verschwinden.
Die Risiken
Ein Einkaufszentrum, das im Wesentlichen nördlich der St.-Anton-Straße gebaut wird, würde das City-Zentrum deutlich in Richtung Norden verlagern. Und wenn auf den 25 000 bis 30 000 Quadratmetern dieses Einkaufszentrums um die 100 Geschäftslokale vermietet werden müssen, besteht die Gefahr, dass sich diese Geschäfte zu einem Teil auch aus dem aktuellen Bestand des heutigen City-Zentrums rekrutieren. Damit würde sich über kurz oder lang die derzeitige Situation des südlichen Stadtzentrums mit Billig- und anderen Läden der zweiten und dritten Qualität über den Neumarkt hinaus in Richtung Stadtmitte erstrecken, weil die Mietpreise dort sinken würden.
Würde beispielsweise ein Magnet wie Saturn vom Ende der Neusser Straße in ein neues Einkaufszentrum nördlich der St.-Anton-Straße umziehen, stünden der südlichen City ganz schwere Zeiten bevor. Und würde dieses Einkaufszentrum – um nur ein anderes Beispiel zu nennen – Sinn Leffers das Wasser abgraben, gäbe es mitten in der City einen großflächigen Leerstand, der ohne weiteres nicht zu kompensieren wäre. Nach Informationen unserer Zeitung hat ECE bereits begonnen, mit verschiedenen Händlern Vorverträge auszuhandeln.
Bei der Diskussion um ein neues, großes Einkaufszentrum darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass die demografische Entwicklung mit sinkenden Einwohnerzahlen – nicht nur in Krefeld – und dem einhergehenden Verlust an Kaufkraft nicht gerade nach zusätzlichen Geschäften in den Ausmaßen eines riesigen Einkaufszentrums schreit.
Im bestehenden Zentrum, vor allem an der Hoch- und Königstraße mit ihrem direkten Umfeld, sind bereits und in zunehmendem Maße führende Qualitätsmarken mit Geschäften vertreten. So eröffnet am Schwanenmarkt im nächsten Monat ein bekannter Damen- und Herrenausstatter. Damit stellt das City-Zentrum an sich schon ein Einkaufszentrum dar. Mit der Pflege und dem Ausbau einer solchen kleinteiligen Vielfalt kann sich Krefeld von umgebenden Städten wie Oberhausen, Duisburg, künftig wohl auch Mönchengladbach absetzen, die auf große, sich oft ähnelnde Einkaufszentren setzen.
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