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Krefeld: Der 275 000-Euro-Baselitz

VON PETRA DIEDERICHS - zuletzt aktualisiert: 07.01.2011

Krefeld (RPO). Die Galerie Börgmann wagt ein Experiment: Unter dem Titel "Crefelder Gesellschaft für Venezianische Malerei" zeigt sie Bilder von 28 Künstlern. Das teuerste stammt von Georg Baselitz, es stellt aber die Arbeiten der jungen Künstler nicht in den Schatten. Allen gemein ist die Lust am Farbenrausch.

Galerist Jochen Börgmann (l.) und Kurator Christian Malycha vor André Butzers Ölbild "Wald". Foto: RPO
Galerist Jochen Börgmann (l.) und Kurator Christian Malycha vor André Butzers Ölbild "Wald". Foto: RPO

Wenn Tizian heute leben würde, hätte er seine Bilder vielleicht auf den Kopf gestellt. So wie Georg Baselitz? Denn die Venezianische Malerei hat nicht nur Prachtvolles abgebildet, die Künstler der italienischen Schule haben ihren Blick geschärft, um in Porträts und Landschaften die Schönheit aufzuspüren – also nach neuen Blickwinkeln gesucht, nach neuen Möglichkeiten der Malerei, so wie Baselitz. "Und immer geht es um die Farbe", sagt Galerist Jochen Börgmann. Deshalb hat ihn interessiert, wie die Fortführung jener Epoche ein halbes Jahrhundert später aussehen könnte. Eine Antwort bietet die "Crefelder Gesellschaft für Venezianische Malerei" an. Das ist kein elitärer Verein potenter Sammler, sondern eine Ausstellung, die bis zum 15. Januar in der Galerie am Südwall zu sehen ist.

Info

Die Ausstellung

Titel "Crefelder Gesellschaft für Venezianische Malerei"

Galerie, Börgmann, Südwall 55. Besichtigung nach Anmeldung: Telefon 02151 7810990.

Dauer bis 15. Januar.

Künstler Arnolds, Baselitz, Buhlmann, Butzer, Förg, Gutheil, Hernandez, Holthoff, Hüppauff, Koch, Körner, Marwitz, Meese, Michalko, Mohr, Muche, Maki Na Kamura, Niedziolka, Richert, Rothmaler, Ruckhäberle, Saks, Schwalb, Simon, Wardin, Winkler, Wulf, Wutz

"Eigentlich ist es ein Experiment", sagt Börgmann. Dafür hat er mutig Baselitz mit (noch) wenig bekannten Künstlern zusammengebracht. Das führt zu dem Schluss, dass die jungen Venezianer heute opulent und wild wären.

An Baselitz kommt keiner vorbei. Wer die Galerie betritt, wird sofort in Bann gezogen von dieser Farbwucht. Dunkles erdig-leuchtendes Rot, ein schimmerndes Gelb und fast unverschämt unschuldig wirkendes Rosé erzeugen Spannung im labyrinthischen Schwarz der "Borcke". Das 1,62 mal 1,30 Meter große Ölgemälde des Meisters ist das Herz der Ausstellung, die dort bis zum 15. Januar zu sehen ist. 275 000 Euro kostet das Bild – die Galeristen Carolin und Jochen Börgmann haben seinetwegen eigens die Sicherungsanlagen des Kunst-Hauses aufstocken müssen.

Seit 1969 stellt Georg Baselitz seine Kunst auf den Kopf. Motivumkehr nennt er das – auch bei diesem Bild "Borcke", das er 1986 in Öl auf leinwand gemalt hat. Es ist das teuerste Bild der Schau und kostet 275 000 Euro. Foto: RPO

An Georg Baselitz ist eben kein Vorbeikommen. Neben Gerhard Richter, Sigmar Polke und Markus Lüpertz zählt er unumstritten zu den bedeutenden deutschen Malern nach 1960. Dass er derjenige ist, dessen Bilder seit 1969 kopf stehen, könnte bei Günther Jauch jedes Jokerpublikum mit schlagender Mehrheit beantworten. Doch Börgmann geht es nicht um Starkult. Das imposante Werk ist nur eines unter den Arbeiten von 28 Künstlern.

26 sind jung – zwischen 1970 und 1985 geboren. Und doch sprechen sie die gleiche Sprache wie der 72-jährige Baselitz und Jörg Förg (Jahrgang 1952), nur mit unterschiedlichen Vokabeln. Ganz leise wirkt das 38 Zentimeter große Tempera-Bild von Maja Körner: In dem gesichtslosen Schattenwesen in Grau- und Auberginetönen entdeckt der geduldige Blick nach und nach die Züge einer hockenden Frau. Wie einen Schleier aus mehrlagiger Gaze hat die 34-jährige Künstlerin die Farbe auf die Leinwand aufgetragen und weckt so die Lust daran, ein Geheimnis aufzuspüren. Dieses kleine Bild (2000 Euro) mit der großen Wirkung kann sich neben Baselitz behaupten.

An der Wand gegenüber wartet der nächste Kontrast: Christian Ruckhäberle hat eine Frau im Profil fast holzschnittartig auf eine ein Meter hohe Leinwand gebracht (14 000 Euro). Der statische Körper, bei dem Arme, Hals und Gesicht aus stark verflachten Linien bestehen, bezieht seine Ausdruckskraft aus der comicbunten Farbe. Braunabstufungen markieren die Locken der Frisur. Dunkles Grau lässt die Nase wie künstlich ans gelbe Gesicht angesetzt wirken. So bekommt der Besucher schon im ersten Ausstellungsraum eine Ahnung, was die "Crefelder Gesellschaft für venezianische Malerei" will: Spaß an der Farbe und Entdeckerlust wecken.

Wer sich auf den Spaziergang vorbei an unterschiedlichen Stilen einlässt, hat die Freude, ständig neue kleine Eigenheiten bei den Künstlern zu entdecken: Thomas Arnolds operiert ausschließlich mit simplen Formen – Rechtecken und Halbkreisen – und mit Primärfarben, die er zu minimalistischen Bildern zusammenfügt. "Küche klein" zeigt zwei Menühauben. Fast wird die karo-artige Schraffur, die Arnolds der Leinwand mit der hand zugefügt hat, darüber übersehen.

Jan Koch (geboren 1978) hat in weiße Leinwand Formen eingeschnitten, die er mit Lack, Acrylfarbe und Spiegelfolie von hinten aufgefüllt hat. Thomas Winkler spielt mit gleichgroßen Farb-Quadraten, die sich auf grauem Grund ordnen, und Jan Muche hat für seine abstrakte Acryl-und-Tusche-Arbeit eine kreisrunde Leinwand von einem Meter Durchmesser gewählt. So gerät die Statik seiner an Brückenarchitektur erinnernden Elemente ins Wanken. Und wer am Ende "venezianisch" als Farbenrausch übersetzt, der findet sich vor André Butzers "Wald" wieder, der mit 42 800 Euro gehandelt wird. Die Ölfarbe hat er dreidimensional eingesetzt, Farbstränge liegen plastisch auf der Leinwand. Wer ihrem Verlauf folgt, sieht, dass in diesem wildcolorierten Dschungel nicht der Zufall regiert.

Auch Michael Wutz spielt mit dem trügerischen ersten Eindruck. Das harmonische Sepia-Braun seines Aquarells täuscht eine idyllische Landschaft vor. Wer ganz nah herangeht, entziffert in den Bleistiftzeichnungen Totenköpfe, Leichenberge, Skelette. Das Idyll entpuppt sich als Kriegsschauplatz, Gräberfeld oder Konzentrationslager – die Pest des 20. Jahrhunderts. Venedig steht eben auch für das Morbide.

Quelle: RP

 
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