Krefeld: Der einzige Künstler, der mit der Bundeswehr reist
VON PETRA DIEDERICHS - zuletzt aktualisiert: 11.02.2010 - 11:32Krefeld (RPO). Roland Köhler ist der erste und einzige Künstler, der mit der Bundeswehr in die Krisenherde der Welt reist. Er versteht sich nicht als Kriegsberichterstatter, sondern als Abbilder einer anderen Wirklichkeit. Seine Fotos zeigt er nun erstmals – in Krefeld.
In Afghanistan gibt es auch einen Alltag. Alte, die im Schatten hocken und Tee trinken oder neben Plastiktüten ausruhen. Kinder, die mit Blechdosen und Lumpen kicken oder den Fremden neugierig anblicken. Doch solche Szenen sehen die meisten nicht, nicht einmal die Hilfstruppen, die dort im Einsatz sind. Roland Köhler hat die anderen Ansichten der Krisengebiete fotografiert, die Menschen mit dem Lachen, das die Augen nicht erreicht.
Und er hat die Würde in den ausgezehrten Gesichtern eingefangen. Die Schönheit, die sich in Worten nicht angemessen ausdrücken lässt. Köhler ist Künstler, und er kommt dorthin, wo für andere die Welt endet – in die Krisengebiete der Erde. "Was die Medienvertreter zu sehen bekommen, ist nur ein winziges Segment. In die Hotspots kommt man nicht herein", sagt der 59-Jährige. Und er kommt ziemlich nah heran, denn er reist mit Zustimmung von höchster Stelle. Köhler begleitet die Bundeswehr. Von Weihnachten bis Silvester 2008 hatte er seinen letzten Studienaufenthalt bei der ISAF in Afghanistan.
Persönlich
Roland A. O. Köhler ist 1951 in Thüringen geboren. Studium 1970-73 an Werkkunstschule und Fachhochschule Design, später an der Essener Folkwangschule.
Atelier Lange hatte er sein Atelier am Karlsplatz, heute lebt und arbeitet er in Köln.
Ausstellungen 1990 im Krefelder Kunstverein, 1997 im Kaiser-Wilhelm-Museum. Bei Kunst und Krefeld, Girmesgath 5, zeigt er erstmals seine Fotos, vom 21. Februar bis 21. März.
Bisher wurden Köhlers fotografische Arbeiten aus dieser Kooperation noch nie ausgestellt. Der Verein "Kunst und Krefeld" wird sie erstmals präsentieren: Ab Sonntag, 21. Februar, sind sie unter dem Titel "was bleibt ... Stille" im ehemaligen Verseidag-Gebäude an der Girmesgath zu sehen.
Köhler ist in Schlotheim (Thüringen) geboren und in Krefeld aufgewachsen. Er hat an der Werkkunstschule und an der Essener Folkwangschule studiert. Bildhauerei und Fotografie haben ihm einen neuen Blick auf die Welt gegeben. Und das will er mit seinen Arbeiten vermitteln.
"Die Vorstellungen des Außenstehenden sind geprägt von Unwissenheit und Halbwahrheiten. Es gibt Zonen in unserem Leben, die einem Tabu unterliegen. Sie existieren als unbegehbar und uneinsehbar. Für die Öffentlichkeit gibt es kaum Bilder, wenig Geräusche oder Gerüche. Stößt man also auf einen Tabubereich, ist man genötigt, aus dem wenig Bekannten und seiner eigenen Fantasie ein Bild zu entwerfen. Oft genug ein subjektives oder sogar falsches Bild", sagt er. Aber er will Türen aufstoßen, damit die Betrachter etwas sehen, was sie vermutlich nicht erwartet haben.
Zum Beispiel die Faszination einer schier endlosen Landschaft. Die Farben der Wüste, die Pracht der traditionellen Architektur. Und dazu die Spurrillen der Gegenwart: Müll, liegengebliebene Jeeps, ausgebrannte Panzer. Köhler zeigt es ruhig, ohne Anklage. Auch die Tauben von Mazar e Sharif, der weite Himmel über der kargen afghanischen Sandlandschaft sind Bilder der Stille, sie nehmen gefangen. "Diese Bilder haben selbst die Soldaten noch nicht gesehen. Denn die hocken in ihren Camps und Büros und sind von diesem Alltag abgeschirmt", erklärt Köhler. Er macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach Motiven. "Ich bin als Zivilist da, und bin kein Kriegsberichterstatter." Diese Feststellung ist ihm wichtig. Sein einziger Auftraggeber ist der eigene Anspruch.
Das Privileg die Bundeswehr als "Reisebüro" für seine Arbeit zu finden, bekam der Wahlkölner ganz unerwartet. An einem Morgen vor zwölf Jahren kam der Anruf aus Heeresführungskommando. Verblüfft hörte Köhler, dass der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe begeisterter Kunstsammler sei, von Köhler gehört und ihn gesehen hatte und sich für Köhler eine neue Herausforderung anbahnte: Er bekam das Angebot mit der Bundeswehr, zu kooperieren. "Als man mich fragte, was ich fotografieren will, war für mich klar: Panzer", erzählt Köhler. So fand der Mann, der nie bei der Bundeswehr gedient hatte, im Panzerbataillon ganz neue Motive.
Mit zwei Digital- und einer Analogkamera um den Hals begleitet der 59-Jährige deutsche Truppen seit zehn Jahren an die Kriesenherde der Welt. Er mit KFOR im Kosovo bei der ISAF in Afghanistan. Angst, sagt er, hat er nicht, wenn er sich mit seinen drei Kameras um den Hals auf die Suche nach der Wirklichkeit "wie sie auch ist" macht. Er hat die Regeln gelernt, ist vorsichtig auf unbekanntem Terrain, stets wach, weil er weiß, dass er sich auf vermintem Grund bewegt. Abenteuerlust streitet er ab. "Ich hätte anfangs nie geglaubt, welche künstlerischen Perspektiven sich dort ergeben."
Die Einsätze für die Kunst sind zeitlich limitiert, aber sie sind auch von Nähe geprägt. Mit den deutschen Einsatzkräften hockt er eng zusammen in staubigen Büros. "Da spricht man natürlich, und die Soldaten sind sehr interessiert an meiner künstlerischen Arbeit. ich bin ja der erste und einzige Künstler, der dieses Vorrecht hat." Und auch er hat seine Einstellungen neu justiert. "Ich bin gegen Waffen, speziell im zivilen Bereich. Aber die Männer dort sind ein Querschnitt unserer Gesellschaft und machen gute Arbeit.
Weihnachten hat er nicht im Lager verbracht. Am ersten Feiertag ist durch Mazar E Sharif gezogen, die Waffen schwiegen, in der unbeschreiblichen Stille hat er die weißen Tauben auf dem Marktplatz fotografiert. Sein Friedensbild.
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