Krefeld: Der erste Hochschul-Präsident
zuletzt aktualisiert: 11.05.2009Krefeld (RPO). Professor Dr. Hans-Henning von Grünberg ist zum ersten Präsidenten der Hochschule Niederrhein (HN) gewählt worden. Im RP-Interview spricht er über seine Pläne, die Vorzüge der HN und verrät, warum er den Niederrhein reizvoller als die Steiermark findet.
Zur Person
Geboren wurde Hans-Henning von Grünberg in Eckernförde (Schleswig-Holstein).
Er studierte Physik in Aachen und Berlin.
Als Gastwissenschaftler forschte er in Oxford und New Delhi.
Als Buchprogrammplaner arbeitete er im Springer Verlag Heidelberg/Berlin.
Er habilitierte sich in Theoretischer Physik an der Universität Konstanz.
An der Universität Graz arbeitet er seit fünf Jahren als Professor für "Computational Physical Chemistry".
Warum wechselt ein Physik-Professor in die Verwaltung einer Hochschule?
Von Grünberg Bei einer Präsidentschaft geht es weniger um Verwaltung als vielmehr um Leitung bzw. Gestaltung. Ich war in den vergangenen zwei Jahren Forschungsdekan der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz, da stand das inhaltliche Gestalten im Vordergrund der Arbeit. Schon nach zwei Jahren kann ich die Früchte meiner Arbeit sehen, das ist sehr befriedigend. Eine Fakultät oder sogar eine Hochschule zu formen: Das ist eine spannende Aufgabe.
Spannender als Physik?
Von Grünberg Das ist kein zulässiger Vergleich. Ich bin leidenschaftlicher Forscher. Doch sehe ich auch die Aufgaben der Hochschulleitung als ein sehr interessantes Betätigungsfeld. So ein Wechsel belebt.
Worin sehen Sie ihre größte Aufgabe?
Von Grünberg Der Präsident ist der zentrale Kommunikationsknoten einer Hochschule. Ich will Diskussionen anstoßen, moderieren und sie natürlich auch zu einem Ergebnis führen. Dabei ist es wesentlich, eine gute Balance zwischen dem Aufnehmen und dem Anstoßen von Ideen zu finden. Eine enorme Bedeutung messe ich dem persönlichen Kontakt zu möglichst vielen Hochschulangehörigen bei: "Management by walking around" sozusagen. Wichtig ist mir außerdem ein enges Verhältnis zu den Dekanen ebenso wie eine regelmäßige Präsenz in den wichtigsten Gremien der Hochschule.
Wie soll sich die HN entwickeln?
Von Grünberg Ich komme von außen, da sollte man mit vorschnellen Ankündigungen vorsichtig sein. Wir müssen herausfinden, was für die Hochschule möglich ist. Und dann müssen wir diesen Ideen auch ein paar Jahre lang treu bleiben. Stellen Sie mir die Frage in einem Jahr bitte noch einmal.
Was reizt Sie an der HN?
Von Grünberg Ich habe den Eindruck, dass diese Hochschule sehr vielseitig ist. Sie hat mehrere Standorte und viele verschiedene Traditionsstränge, die zum Teil weit in die Vergangenheit zurückreichen. Die Hochschule Niederrhein ist fest mit der Region verankert. In Sachen Lehre ist sie sehr gut aufgestellt. Dennoch sehe ich als Außenstehender jetzt schon Felder, wo ich mich gut werde einbringen können.
Welche sind das?
Von Grünberg In der Lehre ist in den vergangenen Jahren viel getan worden, vor allem auch wegen des Bologna-Prozesses und der Umstellung der Studiengänge auf die neuen Bachelor- und Master-Abschlüsse. Nach all diesen Änderungen sehe ich jetzt in Sachen Lehre ein gewisses Bedürfnis nach Stetigkeit. Gleichzeitig müssen wir uns immer mehr mit der anwendungs-orientierten Forschung beschäftigen. Da haben die Fachhochschulen noch viel ungenutztes Potential.
Forschung kostet Geld. Woher wollen Sie das bekommen?
Von Grünberg Durch Kooperation mit der Wirtschaft. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von Fördertöpfen, die von Bund und Land bereit gestellt werden. Vor allem in Verbundprojekten mit anderen Fachhochschulen, Technischen Universitäten, außeruniversitären Einrichtungen und Unternehmen ergeben sich viele Chancen. Und der Wettbewerb um die Fördertöpfe wird sicher größer werden.
Der HN entsteht zusätzliche Konkurrenz durch die neu zu gründende Hochschule in Kamp-Lintfort.
Von Grünberg Diese Konkurrenz empfinde ich als positiv, weil sie zeigt, dass die Hochschullandschaft langfristig ausgebaut wird. Konkurrenz zwingt zur Selbstbesinnung: Wir müssen gucken, wo wir gut sind und wo unsere Stärken sind. Die Forschungs- und Ausbildungsprofile beider Hochschulen müssen sich ergänzen, dann können beide Seiten gewinnen.
Haben Sie keine Sorge, dass die Hochschule Niederrhein dadurch weniger vom Land abbekommt?
Von Grünberg Nein, auf keinen Fall. Man wird einer erfolgreichen Hochschule nicht das Wasser abgraben.
Werden Sie neben der Aufgabe als Präsident auch noch Zeit für die Forschung haben?
Von Grünberg Kaum. Ich beginne bereits am 1. September als Professor an der HN. Zum 1. März werde ich als Professor freigestellt und übernehme das Präsidium. Dieses erste halbe Jahr ist mir wichtig, um die Hochschule von innen zu erleben und Bodenhaftung zu bekommen.
Physik ist ein Fach, das viele in der Schule gar nicht lieben. Wie sind Sie zur Physik gekommen?
Von Grünberg Ein guter Physiklehrer, ein interessanter Onkel als Rollenvorbild und eine Disziplin, die eigentlich jedem an der Natur Interessierten etwas zu bieten hat. Da studiert man dann automatisch Physik.
Was war Ihre schönste Forschungsaufgabe?
Von Grünberg Ich habe mich lange mit Kolloidphysik beschäftigt. Kolloide sind meist in Wasser gelöste Teilchen von einer bestimmten Größe, irgendwo zwischen mikro- und makroskopisch. Milch ist z.B. eine kolloidale Flüssigkeit. Meine schönste Aufgabe war wohl die Untersuchung von Mehrkörperkräften: Warum drei geladene Kolloide einander stärker anziehen als drei Mal zwei Paare. Ja, und dann die experimentell arbeitenden Kollegen dazu zu bringen, diese theoretischen Vorhersagen auch einmal nachzumessen.
Haben Sie neben aller Forschung auch noch Zeit für Hobbys?
Von Grünberg Hobbys? Ich habe fünf Kinder! Im Ernst: ich spiele Klavier und wandere gerne. Dafür ist die Steiermark ideal.
Ihr Lieblingskomponist?
Von Grünberg Johann Sebastian Bach, wer sonst?
Werden sie am Niederrhein die Berge vermissen?
Von Grünberg Ich bin in Kiel groß geworden, ich vermisse das Meer, nicht die Berge. Ich freue mich sehr auf den Niederrhein, vor allem der Kultur wegen. Diese Menge an Stadt, an Kultur, die es hier gibt, das ist wunderbar. Und man ahnt hier am Rhein das Meer schon ein wenig.
Dieter Hilla führte das Gespräch.
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