Krefeld: Echte Männer unter sich
VON KATJA DIEPENBRUCK - zuletzt aktualisiert: 02.08.2007Krefeld (RPO). Abends um Zehn beginnt bei Nirosta die Nachtschicht. Zwei Dutzend Mitarbeiter sind im Stahlwerk bei Lärm und Hitze acht Stunden lang auf den Beinen. Schrott abfüllen, einschmelzen, abgießen.
Grauer Staub bedeckt den Boden. In den riesigen Hallen dröhnen die Maschinen. Heißer Stahl spritzt auf. Der Feuerschein wirft gespenstische Schatten an die dunklen Wände. Mit erhitzten Gesichtern schreien sich die Männer Befehle zu. Die Nachtschicht im Stahlwerk hat begonnen.
Werner Verheyen hat die Ruhe weg. Seit 1981 schiebt er bei ThyssenKrupp-Nirosta regelmäßig Nachtschicht. „Für mich ist es ganz normal nachts zu arbeiten“, sagt der Oberschmelzer. „Klar, wenn man jung ist, muss man Abstriche machen. Partymachen fällt da öfter flach. Andererseits kann man in jüngeren Jahren noch besser tagsüber schlafen. Das ändert sich im Alter leider. Da macht der Bio-Rythmus nicht mehr mit“, erzählt der 45-Jährige. Er verabschiedet sich abends von Frau und Tochter, wenn er zur Nachtschicht fährt. Das falle schon manchmal schwer, gibt er zu. Aber trotzdem, die Arbeit mache ihm immer noch Spaß. Bis auf den Krach. „Langsam machen mir die Ohren einige Probleme“, räumt er ein.
Kaffee im Ofenleitstand
Mit einem knappen Dutzend Männern arbeitet Verheyen nachts zusammen. Von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Pausen gibt es nicht. Die nehmen sich die Männer selber. Im Aufenthaltsraum oder beim Kaffee im Ofenleitstand, einem Büro innerhalb der Gießerei. Hier bleiben Lärm und Staub draußen, während drinnen auf unzähligen Monitoren die Arbeitsvorgänge überwacht werden. Lang ist sie trotzdem, so eine Nachtschicht. Und ruhig, findet Schichtleiter Jens Timmer. „Bei normalem Produktionsbetrieb geht es sehr gelassen bei uns zu. Aufregung und Hektik gibt es nicht“, erzählt der 34-Jährige und schiebt sich den Helm in den Nacken. Helme sind im Werk Pflicht. Ebenso Schutzkleidung und Arbeitsschuhe. Timmer als Schichtleiter ist verantwortlich für seine Mitarbeiter und etliche Tonnen Stahl. Der wird hier zunächst als Schrott eingeschmolzen, dann in dickwändige, meterhohe Gießpfannen gegossen und schließlich auf dem Band in langen glühenden Bahnen raus aus der Gießerei zur Weiterverarbeitung weitergeleitet. Flüssig erreicht der Stahl eine Temperatur von 1700 Grad.
„Die Strahlungswärme ist enorm“, erklärt Timmer. „Da kommt man schon ins Schwitzen. Der Job bringt eine hohe körperliche Belastung mit sich. Ungefährlich ist es auch nicht. Wir achten wirklich penibel auf Sicherheit. Trotzdem passiert leider immer noch genug.“ Stolz ist Timmer auf das gute Klima unter seinen Mannen. Die Arbeit wird geteilt, jeder hilft jedem, das Team wird groß geschrieben.
Lange Nächte bieten Zeit für viel Gesprächsstoff. Von Fachsimpelei bis zu Familienproblemen, die Männer teilen alles. „Bis hin zu Liebe, Sex und Leidenschaft. Hier gibt es nichts, was nicht zur Sprache kommt“ sagt Timmer und grinst. Platz für echte Männerfreundschaften also. Neben der Arbeit in der Schwerindustrie werden im Stahlwerk noch andere Männerdomänen gepflegt. Nächtliches Grillen im Sommer zum Beispiel. Mit Elektro-, Holz-, oder Schwenkgrills, jeder nach seiner Facon. Nachtschicht mit Würstchen auf der Hand. Inmitten von Gießpfannen, Kränen und glühend heißem Stahl.
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