Krefeld: Europameister im Wir-Gefühl
VON CORINNA UHLRICH - zuletzt aktualisiert: 30.06.2008Krefeld (RPO). Public Viewing war der große Trend bei der EM. Statt alleine zu Hause vorm Fernseher zu hocken war die Gemeinsamkeit vor der Großleinwand gefragt. Auch am Sonntag beim Finale. Zum Beispiel in der Kulturfabrik und im Nordbahnhof.
Ein kühles Bier und der heimische Fernseher– das reicht nicht. Schon gar nicht, wenn’s ums Finale geht. In großen Runden müssen Schweini, Poldi und Co angefeuert werden. Und so zogen auch gestern Heerscharen los, um in der Kneipe oder Bar mit hunderten Anderen die Nationalhymne anzustimmen. Männerdomäne? Von wegen. Zunehmend mehr weibliche Fans in Ballack-Trikot und Deutschland-Farben waren unterwegs.
Regelmäßig sah Sandra Potthast, Thekenmanagerin in der Kulturfabrik, eine große Menge weiblicher Anhänger in den Fan-Hallen: „Es waren verhältnismäßig viele Mädels bei uns und fieberten mit“, sagt sie. Seit Eröffnung der EM zeigte die Kufa alle Spiele live und kostenfrei auf drei Leinwänden und einem Fernseher. „Ich hätte überhaupt nicht mit einer so großen Resonanz gerechnet“, meint die 30-Jährige. Die größte Besucherzahl – abgesehen vom Finale – verbuchte die Kulturfabrik während des Halbfinales Deutschland gegen die Türkei am Mittwoch: 900 Anhänger.
„Die Stimmung kann man einfach nicht beschreiben“, schwärmt Sandra Potthast, die für das Endspiel gestern Abend kurzfristig mehr Personal für die Theken ordern musste: „Es wird viel Bier in den Halbzeiten getrunken. Aber auch Lemon-Getränke. Die sind einfach erfrischender“, erzählt die Thekenmanagerin.
Gemeinsam erlebte Zitterpartien, findet Potthast, sind einfach schöner. Und friedlich sei es ja auch durch die Bank gewesen. „Wir hatten nur zwei Ausschreitungen. Das ist wesentlich weniger als bei einer normalen Party“, erzählt sie.
Auch im Nordbahnhof war gestern wieder Stadion-Stimmung. Um 17 Uhr liefen die Fans auf dem Neumarkt auf und zogen unterstützt vom Uerdinger Spielmannszug und dem Mini-Schluff winkend und Fahnen schwenkend zum Nordbahnhof. Und bereits vor dem Anpfiff in Wien frischten sie das gesamte Repertoire an Fußball-Liedern noch einmal auf.
Axel Hoppe ist seit 17 Jahren Kellner in der Gaststätte am Oranierring. Und entsprechend Fußball-Übertragungs-erfahren. Doch der Frauenanteil sei bei Deutschlandspielen nie so hoch gewesen: etwa 50 Prozent, schätzt Hoppe. Er weiß auch, warum „Public Viewing“ immer beliebter wird – nicht nur bei weiblichen Fußballfans: „Man kann unbeschwert den Alltag vergessen. Da kann der Manager neben dem Arbeiter an einem Tisch sitzen. Das ist besser als zu Hause zu bleiben und sich mit der Wand zu unterhalten“, findet 40-Jährige. Und da ist es fast egal, wer am Ende gewinnt. Europameister sind alle.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







