Krefeld: Hafen: Letzter Mieter will bleiben
VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 15.10.2009Krefeld (RPO). Eine einzige Familie wohnt noch im Krefelder Hafen an der Hentrichstraße. Die Stadt verhandelt gerade mit ihr über einen Umzug. Denn dies würde die Stadt von der Pflicht befreien, im Hafen den Luftreinhalteplan umzusetzen.
Der Kontrast könnte für Familie G.* größer kaum sein. Vor ihrem Haus an der Hentrichstraße rauschen im Zwanzig-Sekunden-Takt die Laster vorbei, einer nach dem anderen, mit schmutziger Ladung. Trotzdem sagt Elisabeth G., die letzte Mieterin im Krefelder Hafen: "Mich stört das nicht, ich mag es hier zu wohnen." Warum, das erfährt der Besucher, wenn er den Garten hinter dem Haus betritt. Vom Lasterlärm ist dort nur wenig zu hören, stattdessen genießt die Familie den ungestörten Blick auf den Rhein. Im Hintergrund liegt der Duisburger Stadtteil Mündelheim. "An Silvester ist es hier am schönsten", sagt die Mittvierzigerin. Doch wie viele Silvesterfeiern wird sie noch an der Hentrichstraße erleben?
Luftreinhalteplan
Grenze Die EU hat festgelegt: An höchstens 35 Tagen im Jahr darf der Feinstaubanteil pro Kubikmeter Luft die Grenze von 50 Mikrogramm überschreiten.
Maßnahme Andernfalls muss die Bezirksregierung vor Ort einen sogenannten Luftreinhalteplan erstellen. Dieser wird in Krefelder Hafen bereits umgesetzt.
Vor fünf Jahren zog die Frau mit ihrem türkischen Mann und Sohn nach Krefeld. Warum, das will sie mit Rücksicht auf ihre persönliche Situation nicht sagen – sie fühlt sich sicherer im Hafen als anderswo. Als die Familie 2004 kam, gehörten die Wohnungen noch einem Privatmann. Kurze Zeit danach kaufte die Stadt Krefeld die Häuser auf.
Der Grund: Aufgrund einer Klage bei der EU über zu hohe Feinstaubbelastung musste die Stadt im Hafen für saubere Luft sorgen. Eine Mess-Station registriert seitdem jeden Tag die Feinstaubbelastung – an 71 Tagen lag der Wert im vergangenen Jahr über der zugelassenen Grenze. Laster müssen deshalb langsamer fahren, die Hentrichstraße soll begradigt werden und direkt auf die Batervastraße zuführen, sodass die Laster nicht mehr abbremsen und anfahren müssen. Wenn keine Menschen mehr im Hafen wohnen, muss die Stadt sich nicht mehr um einen Luftreinhalteplan kümmern.
Um nicht aus dem Fenster auf die vielbefahrene Straße blicken zu müssen, hat Elisabeth G. rote Vorhänge vor die Fenster gehängt. Die Nachbarhäuser kann man noch einsehen – gespenstisch liegen sie am Straßenrand.
Derzeit befindet sich Familie G. in Gesprächen mit der Stadt. Eigentlich sind sie unzufrieden mit ihrem Haus, an der Vorderseite schimmelt es, die Räume können nur mit Atemschutzmasken betreten werden. Nach Rücksprache mit dem Mieterschutzbund zahlt die Familie deshalb nur noch die Nebenkosten, nicht aber die normale Miete. Sie würde ausziehen, dann müsste die Stadt ihr aber ein "sehr gutes Angebot" machen, sagt Elisabeth G. Wie das genau aussehen soll, darüber sagt sie nichts und verweist auf ihre Anwälte.
Alle anderen Familien haben ihren Protest gegen den Lkw-Verkehr mittlerweile abgebrochen. Unsere Nachbarn von nebenan sind erst vor sechs Tagen umgezogen", sagt Elisabeth G.. Jetzt seien sie ganz alleine. Angst habe sie nicht, aber: "Am Rhein passieren mittlerweile viele skurrile Sachen, erst vor ein paar Wochen war die Polizei nachts mit mehreren Einsatzwagen hier, ich war total erschrocken und habe gleich nachgesehen, ob mein Sohn noch im Bett ist. Dann wieder hörte ich Hilferufe vom Rhein, am nächsten Tag suchte eine Frau hier ihren Mann."
Trotz dieser Erlebnisse will Elisabeth G. bleiben. "Wir werden kämpfen", sagt sie, und: "Als ich vor vier Jahren hier hinzog, hatte ich mir vorgenommen, hier alt zu werden."
*Auf Wunsch der Familie nennt die RP den richtigen Namen nicht.
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