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Krefeld: Höhenrausch auf dem Turm

VON BÄRBEL KLEINELSEN - zuletzt aktualisiert: 31.07.2007

Krefeld (RPO). Für viele ist der Hülser Turm nur ein schnöder Aussichtsturm. Für andere eine Herausforderung.

Ein gelb-blauer Turm, der polarisiert. Während einige die Aussicht genießen, schaffen es andere gar nicht erst bis oben. Foto: RPO

Der Parkplatz ist menschenleer. Ein Auto steht vor der „Bergschänke“ am Hülser Berg. Steine knirschen unter den Schuhen der nächtlichen Wanderer. Auf dem Spielplatz ist das Kindergeschrei verstummt. Eine Schaukel schwingt wie von Geisterhand bewegt hin und her. Wolken verdecken die Sterne, Glühwürmchen blinken im Dickicht. In Scharen tanzen sie durch die Büsche, zaubern Licht ins Dunkel des Waldes. Die Wanderer suchen sich vorsichtig ihren Weg.

Auf der Lichtung steht er wie gemeißelt – der Johannesturm. Eiserner Zeuge menschlichen Scheiterns. Viele sind schon an seinen durchbrochenen Stufen verzweifelt, konnten den Blick in die Tiefe nicht ertragen. Haben auf dem ersten Absatz kehrt gemacht, die Augen stur geradeaus gerichtet.

Gnädige Dunkelheit macht es den Wanderern in dieser Nacht leicht. Der Turm ächzt, als seine Nachtruhe gestört wird. Diesmal soll der Aufstieg klappen. Stufe für Stufe tasten sich die Füße vorwärts, eine Hand umklammert das Geländer. Bloß nicht nach unten sehen! Der Waldboden sinkt in die Tiefe, weicht einer dunklen Masse. Eins, zwei, drei, vier, fünf . . . das Zählen der Stufen gerät durcheinander. Zu hoch ist die mentale Belastung.

Ein großer Schritt

Bloß nicht nach oben sehen! So unzählig viele Stufen stehen noch bevor. Das deprimiert, macht alle Hoffnung auf einen schnellen Sieg zunichte. Doch die Nacht schützt den Wanderer mit Höhenangst – vor dem Blick in die Tiefe, vor den Blicken anderer, vor dem Versagen. Im Schutz der Dunkelheit erklimmt er Absatz für Absatz, die Zähne fest aufeinander gepresst.

Der Tanz der Glühwürmchen dreht sich jetzt zwei Etagen tiefer. Nur noch ein Glimmen ist zu erkennen. Leuchtende Punkte blitzen über die Wipfel. Der Hülser Wald legt sich den Wanderern zu Füßen. Gibt den Blick frei auf das nächtliche Krefeld. Stufe für Stufe sieht man mehr. Dann ist es geschafft. Ein kleiner Schritt und die Aussichts-Plattform ist erreicht. Der innere Schweinehund gibt sich grollend geschlagen, das Herz hüpft. Ein bisschen vor Freude, noch mehr vor Aufregung.

Die Wanderer betrachten das tolle Panorama, sehen das hell erleuchtete Bayer-Kreuz am Rande der Industriestadt, die dunkle Landschaft, die kein menschliches Licht erhellt, die Schattenrisse der Kirchtürme. Am Boden liegen stumme Zeugen. Leere Bierflaschen, ausgetretene Zigaretten, mit Filzstift hingekrakelte Gedichte. Der Turm als Partyhöhle oder Liebesnest. Höhenrausch mal anders.

Quelle: RP

 
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