Krefeld: Interview: "Ich trage Kopftuch mit Krefeld-Logo"
zuletzt aktualisiert: 06.02.2010 - 10:32Krefeld (RPO). Die Vorsitzende des letzten Ausländerbeirates erzählt im Interview über den Appell der Krefelder Imame gegen Zwangsheirat, Schwierigkeiten der Migranten mit der Ausländerbehörde und die Wahl des neuen Integrationsausschusses am Sonntag.
Sie tragen ein Kopftuch . . .
Özkurt-Atmaca . . . ja, eines aus Krefeld. Schauen Sie mal: Da ist überall das Logo der Stadt Krefeld drauf. Ich bin hierhergekommen, als ich neun Jahre alt war, habe hier auch mein Abitur gemacht. Diese Stadt ist meine Heimat.
Fünf Jahre lang waren Sie Vorsitzende des Krefelder Ausländerbeirates, der morgen durch den neuen Integrationsausschuss ersetzt wird. Welche Bilanz ziehen Sie?
Özkurt-Atmaca Ich sehe den Ausländerbeirat als eine Art Brücke zwischen den Nöten und Wünschen der Krefelder Migranten auf der einen Seite und den Institutionen und Ratsfraktionen auf der anderen Seite. In den vergangenen fünf Jahren ist es uns gelungen, dass beide Seiten verstärkt direkt miteinander kommunizieren. Das ist ein schöner Erfolg.
In der Öffentlichkeit gab es Kritik, weil bei den Sitzungen zweimal hintereinander so wenige gewählte Mitglieder anwesend waren, dass nicht abgestimmt werden konnte . . .
Özkurt-Atmaca Das ist sogar dreimal vorgekommen – bei insgesamt 25 Sitzungen. Wir haben mit den Mitgliedern gesprochen; drei haben sich daraufhin aus dem Ausländerbeirat zurückgezogen und den Platz für Nachfolger frei gemacht, die sich stärker eingebracht haben. Sie waren frustriert, weil sie so wenig auf den Weg bringen konnten. Der Ausländerbeirat durfte nun mal politisch nichts entscheiden, sondern nur beraten.
Am Sonntag ist Wahl
Integrationsausschuss Er löst den Ausländerbeirat ab, hat politische Entscheidungsgewalt. Er besteht aus 19 Mitgliedern: zehn entsendeten Ratsherren und neun gewählten Ausländervertretern.
Wahlberechtigt Ausländer sowie Deutsche, die die Staatsangehörigkeit vor weniger als fünf Jahren angenommen haben.
Wahllokale Grundschule (Bonhoefferstr. 16), Stadthaus (Konrad-Adenauer-Pl. 17), Lutherschule (Felbelstr. 24), Hauptschule (Prinz-Ferdinand-Straße 155), Rathaus (Von-der-Leyen-Platz 1), Albert-Schweitzer-Schule (Lewerentzstr. 136), Mariannenschule (Mariannenstr. 29), Gebrüder-Grimm-Schule (Freiligrathstr. 47), Regenbogenschule (Gladbacher Straße 277), Bürgerservice Süd (Virchowstr. 130), Stahldorfschule (Vulkanstr. 264), Gemeinschaftshauptschule (Hafelsstr. 41), Realschule Oppum (Schmiedestr. 98), Rathaus Bockum (Uerdinger Str. 585), Rathaus Uerdingen (Am Marktpl. 1), Gymnasium Am Stadtpark (Nikolaus-Groß-Straße 31).
Oder lag es an den Themen auf der Tagesordnung? CDU und FDP haben dem Beirat vorgeworfen, sich mehr um allgemeinpolitische Themen gekümmert zu haben als um die Belange der hier lebenden Ausländer.
Özkurt-Atmaca Der Vorwurf geht absolut an der Realität vorbei. Wir haben uns zu Beginn der Legislaturperiode um das Thema Doppelte Staatsbürgerschaft gekümmert, von der zahlreiche hier lebende Ausländer betroffen waren. Wir haben sämtliche Imame Krefelds dazu gebracht, dass sie sich in den Moscheen gegen Zwangsverheiratung einsetzen. Und als das Zuwanderungsgesetz kam, haben wir uns mit der VHS als Kooperationspartner für die Sprachkurse eingesetzt. Daneben haben wir als Vertrauenspersonen zahlreicher Migranten Hilfe geleistet, beispielsweise bei Ämtergängen. Den Mitarbeitern in der Stadtverwaltung, insbesondere bei der Ausländerbehörde, sind wir gut bekannt.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Krefelder Ausländeramt?
Özkurt-Atmaca Es ist schon so, dass die Behörde in Krefeld häufiger Steine in den Weg legt als andernorts. Das fängt bei Besuchervisa an und hört beim Familiennachzug auf. Ich kenne Fälle, bei denen Frauen oder Männer nach Viersen umgezogen sind, um ihre Familie nachholen zu können.
Wo steht Krefeld heute? Sind die hier lebenden Ausländer gut integriert?
Özkurt-Atmaca Wir sind auf jeden Fall weiter als vor fünf Jahren. Im neuen Stadtrat sitzt das erste Mal ein Bürger mit Migrationshintergrund. Dass Kayseri Partnerstadt Krefelds ist, erfüllt viele hier lebende Türken mit großem Stolz. Jetzt muss diese Partnerschaft noch mit Leben gefüllt werden. Wirtschaftlich könnte Krefeld durchaus davon profitieren: Kayseri ist die reichste Stadt der Türkei mit einer außergewöhnlich niedrigen Arbeitslosenquote. Und im März soll das neue Integrationskonzept im Krefelder Rat verabschiedet werden. Davon erhoffe ich mir sehr viel.
Wie halten Sie's persönlich: In welcher Sprache reden Sie mit Ihren Kindern, die hier in Deutschland geboren wurden?
Özkurt-Atmaca Meine Tochter und mein Sohn sollen dreisprachig aufwachsen: deutsch, türkisch und englisch.
Sie treten nicht mehr zur Wahl an. Verabschieden Sie sich aus der Krefelder Politik?
Özkurt-Atmaca Keineswegs. Ich sitze als sachkundige Bürgerin und SPD-Mitglied im Kultur- und im Jugendhilfeausschuss. Als Migrantin muss man sich ja nicht nur um Migrationsthemen kümmern, auch die Tagespolitik in Krefeld ist spannend.
Sie haben gesagt, der jetzt erstmals gewählte Integrationsausschuss eliminiere den politischen Einfluss der Migranten, weil in dem Gremium überwiegend Ratspolitiker sitzen. Rufen Sie dennoch zur Wahl morgen auf?
Özkurt-Atmaca Ja! Die Teilnahme an der Wahl ist das gute Recht von mehr als 20 000 Krefeldern. Und ganz egal, welche Liste oder welche Einzelperson gewählt wird: Die Migrantenvertreter werden sich im Integrationsausschuss dafür einsetzen, dass deutsche und ausländische Krefelder in Zukunft noch besser zusammenleben werden.
Zuletzt lag die Wahlbeteiligung bei 11,7 Prozent. Wie hoch wird sie morgen sein?
Özkurt-Atmaca Ich hoffe hoch.
Martin Röse führte das Gespräch.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum



