Krefeld: Krefeld – ein Fall für die Couch?
zuletzt aktualisiert: 22.09.2009Krefeld (RPO). Woran liegt es, dass die Krefelder so wenig Selbstbewusstsein haben? Der Krefelder Kabarettist Jochen Butz hat die Seidenstadt von Nord nach Süd und Ost nach West mit seinem Programm bereist. Er stellt fest: "So schlecht ist das hier gar nicht."
Herr Butz, kennen Sie diesen Satz: "Krefeld ist schön, aber...."
Butz Ja klar, kenne ich, sage ich ja selbst auch oft genug. Natürlich hat Krefeld Schattenseiten, aber die muss man endlich mal übersehen dürfen. Ich bin ein Typ, der gerne das Positive sieht. Wenn mir ein Krefelder mit dem Miesen kommt, zeige ich ihm das Schöne. Das sollten auch die Krefelder öfter mal machen, und das werfe ich denen vor. Es ist doch absurd, dass ich mir bei Fachtagungen erst von Außenstehenden sagen lassen muss, wie schön Krefeld ist.
Angenommen, Sie dürften als Psychiater Krefeld auf die Couch legen. Was würde Dr. Butz seinem Patienten empfehlen?
Jochen Butz
Geboren 14. Mai 1944, Stuttgart
Umzug nach Krefeld 1949
Schule Mittlere Reife am Arndt
Beruf 1961 Lehre als Industriekaufmann; 1967-70 Studium Wirtschaftswissenschaften (FH Mönchengladbach); bis 1978 Betriebswirt bei Siempelkamp; zwischendurch Studium mit Abschluss Diplom-Kaufmann, seitdem Wirtschaftssachverständiger.
Butz Vielleicht hilft eine Altbierkur? Aber selbst das Altbier ist hier auf dem Rückmarsch. Ich war in Studienzeiten Pilstrinker, das habe ich aber aufgegeben, weil ich den hiesigen Altbrauern helfen wollte. Auch so zeigt sich Lokalpatriotismus.
Man kann in Krefeld sehr wohl auf Lokalpatrioten treffen. Dafür muss man aber nach Hüls oder Bockum oder Fischeln oder Traar fahren.
Butz Die Krefelder sind Patrioten in ihrem Stadtteil. Der Kleinkrieg zwischen den Stadtteilen macht das Leben hier so schön, besonders als Kabarettist. Bei einem Kabarettabend in Hüls habe ich mal gesagt, dass es in Krefeld beim Humor ein Nord-Süd-Gefälle gibt. Je weiter man in Krefeld in Richtung Süden geht, desto besser die Stimmung; fanden die Hülser gar nicht witzig.
Und wie reagieren die Leute, wenn Sie über Krefeld scherzen?
Butz Wenn ich in meinem Programm über Krefeld meckere, applaudieren die Leute überall gleich. Diese Grundschadenfreude über die Stadt ist bezeichnend. Das muss der Krefelder endlich ablegen.
Sie sagen: "Der Krefelder". Wie ist der Krefelder eigentlich?
Butz Er will was Besonders sein, gerne ist er auch Nestbeschmutzer. Dieser Widerspruch macht ihm das Leben schwer.
Und wie machte er sich's leichter?
Butz Krefeld kann man nur mit einer ähnlich großen Stadt vergleichen, zum Beispiel Mönchengladbach. Da gucken wir mal weiter.
Gladbach hat den Fußball. Worauf soll Krefeld stolz sein?
Butz Schwierig, die Dio-Kirche ohne Kopf ist es jedenfalls nicht. Aber dieses Possenspiel wird überbewertet. Vielleicht sollte die Kirche ohne Hut bleiben, das klappt schließlich bei der Friedenskirche auch. Im Übrigen passt die Kirche ohne Hut doch gut zum Stadtpatron St. Dionysius, der trägt im Stadtwappen den Kopf auch unterm Arm.
Jetzt werden Sie bloß nicht kopflos.
Butz Okay, ich überlege erneut: Worauf könnte der Krefelder stolz sein? Wenn ich nachdenke, gefällt mir der Slogan "Stadt wie Samt und Seide" immer noch, dann aber hätte man den Haltestellenbereich am Ostwall statt mit einem Glasdach textil überspannen müssen.
Der Slogan "Samt und Seide" macht den Krefeldern aber doch schmerzhaft bewusst, dass es so samtig und seidig in Krefeld nicht mehr ist.
Butz Das stimmt natürlich, trotzdem finde ich ihn gut. Ihn gut zu finden heißt ja nicht, dass man Probleme nicht nennen darf. Manchmal denke ich, Krefeld bräuchte einen Kümmerer, der in einem Kataster alle schlechten Stellen in Krefeld notiert, dann auf die Eigentümer zugeht und sie fragt: "Wie kriegen wir das gemeinsam in den Griff?"
Ja, aber, jetzt werden Sie selbst so einer, der nur "Ja, aber" denkt. Wir wollten doch das Positive entdecken.
Butz Aber das Schlechte gehört nun mal dazu, das darf man nicht ignorieren. Meinen Sie denn, in Köln oder Düsseldorf ist alles nur schön? Nein, aber trotzdem gefällt den Bürgern ihre Stadt. Das müssen wir in Krefeld auch endlich schaffen.
Sebastian Peters führte das Interview.
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