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Krefeld: Krefelder – deportiert ins Ghetto

VON PETRA DIEDERICHS - zuletzt aktualisiert: 14.08.2012

Krefeld (RP). Max Mayer und seine Familie gehörten zu den ersten 50 Krefeldern, die im Herbst 1941 deportiert wurden. Sohn Alfred hat als Einziger den Holocaust überlebt. Eine Ausstellung im Südbahnhof zeigt ab Donnerstag das Schicksal der nach Litzmannstadt Deportierten.

Das Foto im goldenen Rahmen zeigt eine zufriedene Familie. Der Metzger Max Mayer, seine Frau Rosalie, die Zwillinge Alfred und Doris sowie Tochter Ruth blicken lächelnd in die Kamera. Zerbrechliches Familienglück: Kurze Zeit später tritt die Familie aus Uerdingen eine Reise ins Ungewisse an. Die Fünf gehören zu den ersten 50 Krefeldern, die am 27. Oktober 1941 ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert werden.

Im Ghetto verlieren sich fast immer die Spuren derer, die den Holocaust nicht überlebt haben. "Doch im Ghetto endeten die Leidensgeschichten meist nicht. Wir wollen zeigen, was "verschollen" bedeutet: Viele haben noch mehrere Jahre oder gar bis Kriegsende gelebt – täglich darauf hoffend, dass sie ihr Leben retten und noch ein neues Leben nach dem Grauen haben werden", sagt Carola Fings vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln.

Info

Die Ausstellung

Eröffnung Donnerstag, 16. August, 19.30 Uhr, mit der Kuratorin Hildegard Jakobs.

Ort Südbahnhof, Saumstraße 9.

Dauer Bis 27. September

Öffnungszeiten dienstags bis freitags, 15-18, sonntags, 11-16 Uhr.

Gruppenbesuche sind auch außerhalb dieser Zeiten nach Absprache möglich. Gruppen und Schulklassen können sich anmelden unter Telefon 02151 5301812.

Extra Zur Ausstellung gibt es ein großes Rahmenprogramm

Gemeinsam mit ihrer Düsseldorfer Kollegin Hildegard Jakobs hat sie mehrere Jahre geforscht. Das Ergebnis ist die Wanderausstellung "1941 – Deportiert ins Ghetto", die am Donnerstag im Südbahnhof eröffnet wird.

3014 Juden aus dem Rheinland sind bei der ersten großen Deportation im Herbst 1941 nach Litzmannstadt abtransportiert worden. Die meisten über Köln, 1003 über Düsseldorf – darunter die Familie Mayer und 45 weitere Krefelder. Als das Ghetto 1944 aufgelöst wurde, wurden von diesen gut 1000 noch 13 befreit.

Das Schicksal der Familie Mayer, das im Zuge dieser Ausstellung erstmals nachvollzogen werden kann, ist stellvertretend für viele. Die ersten Deportationen galten Familien, die auch zunächst zusammenbleiben konnten. Sie wurden zu einem bestimmten Datum zum Sammelpunkt am Bahnhof einbestellt – "und man ließ ihnen bewusst die Hoffnung, sie müssten zwar jetzt ihre Heimat verlassen, könnten sich aber andernorts eine neue Existenz aufbauen", sagt Ingrid Schupetta, Leiterin der Krefelder NS-Dokumentationsstelle. Deshalb nahmen sie reichlich Gepäck mit – unter anderem Bettzeug und Nähmaschinen (als Verdienstmöglichkeit am neuen Ort).

Die Ungewissheit der jüdischen Schicksale spiegelt sich in den zahlreichen Dokumenten, den Postkarten und Briefen, die die Ausstellung zeigt. Eine Lucie de Buton schreibt an ihren Bruder, der aus Köln ins Ghetto abtransportiert worden ist: "Warum in Gottes Namen schreibst Du nicht.

Du kannst Dir doch denken, wie beunruhigt wir um Euch sind". Diese Ausstellung zeigt, wie es nach der Deportation weiter ging. Die Überlebende Lisel Herzog berichtet Ende Mai 1945: "Wir wurden alle in einer Schule untergebracht. In einem Klassenraum circa 80-90 Menschen. Ohne Pritschen und ohne unser Bettzeug mussten wir selbstverständlich auf der nackten Erde schlafen." Zu zeigen, wie der Alltag im Ghetto ablief, ist ein Aspekt dieser Ausstellung. Wer hier Arbeit fand, hatte täglich eine Suppe – mehr als viele andere hatten. Und er hatte eine Aufgabe, bei der er vielleicht nicht an die drangvolle Enge der Unterkünfte denken musste.

Max Mayer hat als Metzger Arbeit in der Fleischerei gefunden, das rettet seine Familie vor dem Verhungern. Zunächst haben die Uerdinger einander wohl Halt geben können. Bis 1944: Da wurde Tochter Ruth als "nicht mehr arbeitsfähig" eingestuft und nach Kulmhoff verbracht, wo sie vergast wurde. Wenige Wochen später wurde das Ghetto aufgelöst, Rosalie und Tochter Doris kamen nach Auschwitz, Sohn Alfred blieb und wurde befreit. Vater Max wurde nach Bergen-Belsen geschickt. Er erlebte die Befreiung, starb aber wenige Tage danach an völliger Entkräftung.

Etwa vier Quadratkilometer groß war das Ghetto Litzmannstadt. 220 000 Menschen haben es durchlitten, etwa 200 000 polnische Juden, 20 000 sogenannte Westjuden aus dem Rheinland, auch aus Wien und Prag. In den ersten Jahren werden 180 000 bis 200 000 zugleich dort gelebt haben, schätzt Fings. Ab 1942 gab es immer häufiger Abtransporte ins Vernichtungslager Kulmhof oder andere Konzentrationslager. "Deportation war kein statisches Ereignis, bei dem Menschen abgeholt wurden und verschollen sind.

Es gab Weiterleitungen, was wir auch auf Karten dokumentieren. Es hat also durchaus viele Interventionsmöglichkeiten bis zum Schluss gegeben", sagt Fings. Dass die Straßenbahn mitten durchs Ghetto fuhr, mache die Entschuldigung, niemand habe etwas gewusst, ebenfalls unglaubwürdig. Schließlich verdankt sie ihre Studien Dokumentationen aus der Ghettoverwaltung. Das vom Deutschen Reich verwaltete Litzmannstadt hatte eine Chronik, "an der mehrere Menschen geschrieben haben". Diese Chronik ist erhalten.

Quelle: RP/rl
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