Krefeld: Nicht nur für Durchschnittsbürger
VON PETRA DIEDERICHS - zuletzt aktualisiert: 10.08.2009Krefeld (RPO). Mediotheksleiter Helmut Schroers will möglichst viele Interessen bedienen. Lernräume, Angebote für Senioren, Unterhaltungsmusik und Computerspiele gehören für ihn deshalb in eine Bibliothek. Immer mehr Leser leihen zwar aus, aber viele halten sich auch im Haus auf.
Die Mediothek ist derzeit das einzige Kulturinstitut, das nur mit guten Nachrichten von sich reden macht. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Schroers Wir freuen uns natürlich schon, dass wir nach den langen schwierigen Jahren in der maroden Stadtbücherei nun mit guten Dingen auffallen. Das rechtfertigt ja auch, dass die Mediothek mit diesem Konzept neu gebaut worden ist. Aber wir hatten erwartet, dass die Rekorde in den ersten drei Monaten nach der Eröffnung nicht mehr zu toppen sein würden. Es kam anders: Vom 1. April bis zum 31. Juli 2008 hatten wir 387 000 Ausleihen von 57 000 Ausleihern. In den Vergleichsmonaten dieses Jahres sind es 389 000 Ausleihen von 59 000 Kunden. Jeder fünfte Krefelder hat inzwischen einen Leseausweis.
Haben Sie dafür zusätzliches Personal einstellen können?
Schroers Wegen des starken Andrangs im vergangenen Jahr, haben wir eine auf ein Jahr befristete zusätzliche Stelle genehmigt bekommen. Die brauchen wir auch dringend, denn täglich kommen 1 500 Menschen, 850 Menschen leihen bei uns aus, fast 4500 Bücher nehmen sie mit und bringen ebenso viele zurück. Ohne das Selbsterfassungs-System wären wir untergegangen.
Wie modern ist es denn noch, Bücher zu lesen?
Schroers Ich glaube nicht, dass Bücher aus der Mode kommen. Die E-Books sind keine Konkurrenz für die Belletristik. Wer will schon einen PC am Strand oder im Bett? Wenn es um wissenschaftliche Publikationen geht, glaube ich, werden Internet und die pdf-Dateien zunehmend wichtig. Wir bieten auch Downloads an, aber das ist zur Zeit noch ein kleines Segment.
Wie sieht es mit digitalen Medien per Download aus?
Schroers Auch da wurden unsere Erwartungen übertroffen. Unser Ziel waren 1500 Ausleihen im ersten Jahr, die hatten wir bereits nach zwei Monaten erreicht und liegen jetzt bei etwa 2000. Das sind 30 bis 50 pro Tag.
In anderen Städten sind Download-Medien keine Renner.Warum kommen sie bei den Krefeldern an?
Schroers Anders als die meisten anderen Bibliotheken haben wir keine angebotenen Pakete gekauft, sondern zwei Lektoren sorgsam auswählen lassen. Dabei haben wir zwei Themenschwerpunkte gesetzt: Hörbücher und Medien für Schüler, zum Beispiel Sekundärliteratur zu Abiturthemen, zu deutscher und englischer Lektüre. Und diese Posten bauen wir stetig auf, jeden Monat investieren wir dafür 800 bis 1000 Euro. Natürlich haben wir auch Musik-CDs.
Wie steht es mit der Ausleihe von CDs? Musik kann man auch im Internet herunterladen.
Schroers Ja, aber die Ausleihen sind in diesem Bereich nicht weniger geworden. Und mit den strengeren Handhaben gegen Raub-Downloader ist die Ausleihe eine legale Alternative. Und man darf die Wirtschaftskrise nicht unterschätzen: Da leihen viele lieber aus, als dass sie etwas kaufen.
Wie halten Sie Ihren Bestand von knapp 200 000 Medien aktuell?
Schroers Wir erneuern in jedem Jahr etwa zehn Prozent. Bei unserem Etat von 300 000 Euro haben wir 15 Euro pro Neuanschaffung, das ist das Minimum. Manches wird aussortiert, weil der Inhalt veraltet ist, etwa Reiseführer. Anderes ist zerschlissen. Mehr Ausleihen bedeuten für Bücher auch mehr Abnutzung. Und dann gibt es Exemplare, die einfach nicht mehr gefragt sind.
Sind alle Besucher der Mediothek auch Ihre Kunden?
Schroers Nein, Bibliotheken verändern sich. Sie spielen eine zunehmend wichtigere Rolle als Aufenthalts- und Lernort. das stellen wir im lesecafé fest und natürlich vor allem in den Studienräumen für Schüler. Dort werden Referate vorbereitet, und jetzt in den Ferien kommen viele, die für die Nachprüfungen lernen. Das Lerncenter wird ebenfalls enorm gut angenommen. Letztes Jahr hatten wir 200 Klassenführungen, und jetzt sind wir auch bis Oktober ausgebucht.
Die neuen Medien sind für Schüler natürlich interessant. Aber kommen viele über dieses Angebot auch auf den Geschmack am Buch?
Schroers Ja, das stellen wir immer wieder fest. Aber auch umgekehrt interessieren sich Ältere durchaus auch für die Computer. Und es gibt immer mehr, die klar den Weg übers Internet zu uns finden. Die fragen, wie sie bei uns Kunde werden können, aber wohnen so weit weg, dass sie nicht für die persönliche Unterschrift anreisen können. Da tüfteln wir noch an einer Möglichkeit.
Ist es gelungen, die Kinder, die neugierig in das Übergangsquartier an der Steckendorfer Straße kamen, auch für den Theaterplatz zu interessieren?
Schroers Leider nicht. Aber die älteren Geschwister kommen zu uns, meist über die Schüler-Angebote. Aber unser Haus ist im positiven Sinne multikulti.
Bieten Sie deshalb auch Leseförderung mit Kinderbüchern in italienischer und türkischer Sprache an?
Schroers Das war zunächst einmal ein Experiment vor den Ferien. Und es kam sofort so gut an, dass wir mit dem Krefelder Ausländerbeirat in Kontakt bleiben und es fortsetzen wollen.
Über solche Kooperationen erschließen Sie immer neue Gruppen.
Schroers Bibliotheksarbeit fasse ich so auf, dass sie sich nicht nur am Durchschnittsbürger orientiert. Deshalb haben wir auch Spielekonsolen angeschafft. Auch Wii ist in der Planung, da gibt es vor allem Ideen für Senioren. Mit dem Verein Sport für betagte Bürger bieten wir ab heute regelmäßig Führungen an, speziell auf Ältere ausgerichtet.
Jetzt zieht das Theater wieder nebenan ein. Sie geben die Theaterkasse wider ab, ebenso die Matineen und Kammerkonzerte – mit Erleichterung oder Bedauern?
Schroers Mit einer Mischung aus beidem. Für uns war das praktizierte Nachbarschaftshilfe. Aber wir freuen uns, dass das Umfeld besser wird, der Bauzaun wegkommt. Und das Lesecafé wird demnächst wieder von zwei Kundenstämmen besucht. Wenn wir um 19 Uhr schließen, kommen die Theatergänger.
Überlegen Sie, die Öffnungszeiten der Mediothek zu verlängern, vielleicht einen Büchertisch zum Theaterprogramm aufzubauen?
Schroers Längere Öffnungszeiten sind mit unseren Rahmenbedingungen nicht machbar. Wir werden im Herbst eine Kundenbefragung vornehmen, die zeigt, welche Zeiten sich unsere Nutzer wünschen. Vielleicht müssen wir dan an unserem Zeitgerüst etwas verschieben. Ich bin Realist: Mehr Öffnung wird nicht möglich sein.
Und wenn es dafür zusätzliche Stellen gäbe?
Schroers Das wäre unter den derzeitigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu schön um wahr zu sein. Und mindestens genauso wichtig ist genügend Geld für den Anschaffungsetat. Ohne ein gutes Bestandsangebot bringen die besten Öffnungszeiten und das schönste Gebäude nichts.
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