Krefeld: Plötzlich wieder Abschlussball
VON JENS VOSS - zuletzt aktualisiert: 01.12.2010 - 12:34Krefeld (RPO). Wie ist das, wenn man nach mehr als 30 Jahren mal wieder einen Abschlussball besucht? Wir laden ein, eine Runde mitzutanzen.
Der Foxtrott ist um 1910 in den USA entstanden. Der Ursprung des Namens ist nicht genau geklärt. Die populärste Erklärung, wonach der Name auf den Gang des Fuchses zurückzuführen ist, ist vermutlich falsch und nicht belegt. Nach einer anderen Theorie geht der Foxtrott auf Showtänze in Revuen des amerikanischen Komikers Harry Fox im Jahr 1913 zurück.
Der Wiener Walzer ist mit etwa 60 Takten pro Minute der schnellste Tanz des Welttanzprogramms. Sein Name rührt von seiner Erwähnung in einer Alt-Wiener Volkskomödie und dient der Unterscheidung vom Langsamen Walzer. Die Bezeichnung Walzer wird von dem Wort „waltzen“ abgeleitet, was ursprünglich „auf der Waltz sein“ (Wanderschaft) bedeutete und im 18. Jahrhundert in der Bedeutung „sich walzen“ (drehen) gebraucht wurde. Um 1870 entwickelte sich in den USA eine langsamere Version des Wiener Walzer mit dem Namen Boston. Daraus wurde im England der 20er Jahre der Langsame Walzer.
Der Samba, ursprünglich ein Sammelbegriff für von afrikanischen Sklaven in Brasilien eingeführte Tanzformen, kam unter dem Namen Maxixe um 1910 nach Europa und hatte seinen großen Durchbruch nach dem Zweiten Weltkrieg; in Deutschland vor allem in der Zeit des Wirtschaftswunders.
Der Jive, ein schneller lateinamerikanischer Tanz, hat seinen Ursprung in den verschiedensten Tanzformen: Blues und Swing, Boogie-Woogie, Rock’n’Roll. Amerikanische Soldaten brachten die Tänze um 1940 nach Europa, wo sie von englischen Tanzlehrern zum Jive zusammengeführt wurden.
Nach wie vielen Jahren jetzt genau? 20, 25 - oh je, jedenfalls: lange her. Jetzt plötzlich: Wieder Abschlussball, weil aus Abschlussballbesuchern Eltern mit Kindern werden, die wiederum Abschlussballbesucher werden und ihre Eltern mit zum Abschlussball nehmen. Ein Kreislauf; der Wiener Walzer des Lebens. Und kaum betreten Eltern den Saal, dämmert Altvertrautes hoch: Tische haben Nummern, alles wuselt herum, und es ist ein bisschen wie in einem Gedicht von Gottfried Benn: Die Sonne steht, die Sphären schweigen,/ und alles ballt sich zu ihm hin. Zu dem Moment nämlich, in dem es heißt: Musik an - der Ball beginnt!
Und man denkt zögernd: Wahrscheinlich ist der Foxtrott der sensationellste Tanz des Universums: so lässig; so folgerichtig von innen heraus - wie atmen.
Und erst die Kleidung: Damals beim eigenen Abschlussball war der Anzug fremd; wie angeklebt. Jahrzehnte später sehen Eltern junge Leute; die eigenen Kinder, die keine Kinder mehr sind, und es sieht wieder ein bisschen aus wie angeklebt. Zu sehen sind Fast-Erwachsene, die erwachsen angezogen sind; zu spüren ist eine Unschärferelation von Sein und Werden; und vermutlich lieben Eltern ihre Kinder in solchen Momenten noch ein bisschen mehr.
Und man denkt zögernd: Wahrscheinlich ist doch der Wiener Walzer der sensationellste Tanz des Universums: so fließend, so auf- und absteigend - wie fliegen.
Auch das ist wie damals: Tanzneulinge sammeln sich beim Tanz gerne in einer Ecke des Saals. Es ist wie ein Naturgesetz; und mit Sicherheit sagt jemand ins Mikro, dass anderswo noch Platz sei. Sehr hilfreich. Lenk doch, sagte die Gemse zur Lawine. Die konzentrierten Gesichter junger Tänzer erzählen, wie sie im Geiste Regeln abrufen: Ausfallschritt - jetzt! Es folgen Schritte wie Schicksalsschläge. Lenken? In dieser Phase des Lernens Glücksache.
Der sensationellste Punkt beim Tanzenlernen ist der Moment, wenn man nicht mehr über Schritte nachdenkt, sondern sie einfach setzt und in der Musik ankommt. Man fühlt sich so sicher, ein bisschen unsterblich, so wölfisch lebenshungrig tief bei sich. Bei älteren Paaren ist dieser Vitalitätsschub gut zu sehen, wenn sie ihren Foxtrott in den Saal wischen: wie sich die Gesichter entspannen; wie eine Aura aus Lässigkeit über beiden aufsteigt; wie sie entdecken, dass der Körper doch kein Alltagsmöbel ist, sondern ein Gral der Lebenslust. Und man denkt zögernd: Wahrscheinlich ist doch der Langsame Walzer der sensationellste Tanz des Universums. So behutsam; so dicht und sanft, wie gleiten auf Eis.
Natürlich rutschen die Gedanken in die Vergangenheit; niemand, der älter ist als 40 plus x, sitzt auf einem Abschlussball ohne diese Schwerkraft abwärts in die Zeit. Damals also vor 30 plus x Jahren: Tanzschule Ellen Haase-Türk. Benimmkurs inklusive. Dieses Wort „auffordern“. Verbeugung. Haltung. Und unter dem frisch auflackierten Firnis der Zivilisation („Darf ich bitten“) der eine Gedanke: Oh je, so viele Mädchen; sagenhaft. Auch sagenhaft damals: Ellen Haase-Türk als Tanzlehrerin. Trank ab und zu etwas, das aussah wie Whisky. Whisky! Das Bild kannte man nur aus dem Kino: „Reifeprüfung“, Anne Bancroft (die Mutter, mit Whisky), Dustin Hoffman, Kathrine Ross (die Tochter); dazu die seltsamste Liebeserklärung des Universums: Du bist der erste Mensch seit Monaten, der mir nicht auf die Nerven geht. In der Realität war so etwas nicht vorgesehen - außer vielleicht dort, in der Tanzschule, wo alles anders war. Jedenfalls: Wenn Ellen Haase-Türk Tanzschritte vorführte, machte die Schwerkraft Pause. Die Frau strich durch den Raum wie auf Luftkissen entlang einer unsichtbar in den Raum gezeichneten Linie. Zugleich ahnten alle Schüler, wie sie sich bewegten: hoppelnd, staksend, wie frisch geschlüpft.
Meist geschah aber ein Wunder, wenn die Tanzlehrerin mit einem Schüler eine Schrittfolge vorführte: Alles fügte sich; Beine standen nicht im Wege; die Hüfte saß da, wo sie hingehörte; und die Schultern waren so erhaben wie ein Raumschiff im All.
Und man denkt zögernd: Wahrscheinlich ist doch der Samba der sensationellste Tanz des Universums: so lebenshungrig, so leicht - wie lachen. Es ist nicht ganz einfach zu sagen, was am Tanzen schön ist. Ein Tänzer fühlt, wenn es glückt; und man sieht es, wenn es bei anderen glückt. Es gibt auf jedem Abschlussball ein paar Tänzer, die sich hinreißend klar bewegen. So elegant. So erwachsen. Vielleicht schenkt einem Tanzen, wenn Musik den Körper flutet und der Körper in die Musik fließt, so etwas wie ein großes Einverstandensein: mit sich, mit seinem Körper, seiner Seele, mit der Welt.
Und man denkt: Wahrscheinlich ist doch der Jive der sensationellste Tanz des Universums: so unverschämt überschäumend - wie glücklich sein.
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