Krefeld: Schmetterling im Sturzflug
VON PETRA DIEDERICHS - zuletzt aktualisiert: 10.03.2007Krefeld (RPO). Thomas Oliver Niehaus setzt auf die Kraft der Dialoge und die Zerrissenheit der Figuren bei seiner Inszenierung von Lessings Emilia Galotti. Eine Frage der Ehre ist keine Frage des Jahrhunderts.
Emilia Galotti
Entstehung Von 1757 bis 1772 arbeitete Lessing an seinem Stück.
Vorlage Die „Virginia-Legende“: Der Plebejer Virginius ersticht seine Tochter, als der Tyrann Appius sie begehrt.
Termine 11.März, 5., 18., 20., 24., 27., 28. April, 26. Mai, 13. Juni.
Kartentelefon 805-125.
Die Erkenntnis kommt kurz vor dem Tod: „Verführung ist die wahre Gewalt“, sagt Emilia Galotti, bevor sie ihren Vater drängt, sie zu töten. Sie kann nicht weiterleben in dem Bewusstsein, dass ihre Unschuld zwar über alle Gewalt erhaben war, nicht aber über alle Verführung. Einen Mann zu begehren, aber einem anderen versprochen zu sein – aus diesem Konflikt soll der Dolch sie befreien. Thomas Oliver Niehaus lässt seine Inszenierung von „Emilia Galotti“ stringent auf diesen Moment zulaufen. Er will zeigen, dass das „bürgerliche Trauerspiel“ aus dem 18. Jahrhundert, das in den Schulkanon des Zentralabiturs fällt, eine „Tragödie des Leibes“ von unverminderter Gültigkeit ist. Klassenziel erreicht.
Niehaus widersteht konsequent den Deuteleien, warum Väter ihre Töchter heute töten. Er baut auf Gotthold Ephraim Lessings Text, auf starke Sätze, auf ständig redende Figuren, deren Energie zwischen allen tragischen Momenten auch Blitze des Komischen, des Sarkastischen entzündet.
Übersichtliche Regalwelt
In der übersichtlich geordneten Welt, der Barbara Steiner ein Regalsystem als Bühnenbild gegeben hat, deuten zunächst nur wenige Wildheiten auf das Drama hin: ein Dschungelmuster-Sofa, Deko-Elefanten... Emilias Heimat ist beengend kalt. Ein überdimensionaler Schmetterling im Sturzflug auf das Lustschloss ist später eindeutiger Todesbote. Niehaus lässt die Figuren ihre inneren Kämpfe austragen. Auch Emilia (Julia Nehmiz) ist ein stürzender Papillon, ein ordentlich frisiertes Mädchen mit weißem Kragen. Grellrot geschminkte Lippen und weiße Overknee-Lackstiefel brechen das Bild, auch wenn wahre Sinnlichkeit nicht rüberkommt. Die Mutter (Esther Keil) ist die ambitionierte Eislauf-Mama, die gegen die bessere Partie des Prinzen nichts einzuwenden hätte. Joachim Henschke als Vater ist eine der stärksten Figuren im Nervenkrieg. Die innere Zerrissenheit zeigt er bis in die zitternden Fingerspitzen. Adäquat ist sein Gegenspieler Marinelli (Sven Seeburg), ein durchtriebener Schurke, der sich beflissen seinem Herrn, dem Prinzen, andient, um freie Hand für Machtspiele zu haben. Aalglatt rattert Seeburg den Text – wie Maschinengewehrsalven. Ines Krug gibt als betrogene Gräfin Orsina den eiskalten Racheengel, der im passenden Moment den Dolch aus der Sofaritze zieht – eine Hintergangene von Format. Die Dialoge haben brillanten Schliff – und oft verblüffende Modernität. Da sind die modischen Anleihen beim Prinzen im 70er-Jahre-Outfit (Ralf Beckord), die goldenen Slipper und Riesensonnenbrille des Conti (Alexander Weichbrodt) und der Hugh-Grant-Softy-Look von Graf Appiani (Adrian Linke) Design-Schnickschnack.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







