Krefeld: Schwer kranker McZahn-Gründer erschießt sich mit Pistole
VON THOMAS REISENER UND MARTIN RÖSE - zuletzt aktualisiert: 02.09.2010 - 10:48Krefeld (RPO). Mit dem Slogan "Zahnersatz zum Nulltarif" hat Werner Brandenbusch die Branche vor vier Jahren in Aufregung versetzt. Danach drohte die Staatsanwaltschaft ihm mit einer Haftstrafe. In der vergangenen Woche schoss der Hobby-Jäger sich im Garten seiner Krefelder Villa in den Kopf.
"Schillernd" sagen die Leute über jemanden, aus dem sie nicht schlau werden. Der zwar beeindruckt. Von dem man aber ahnt, dass hinter der glänzenden Fassade irgendetwas nicht stimmt. "Schillernd" war das Wort, das am häufigsten fiel, wenn man mit Geschäftspartnern, Freunden, Staatsanwälten und Nachbarn über Werner Brandenbusch sprach. Wie gestern bekannt wurde, hat der Gründer der Billig-Zahnarztkette McZahn sich am vergangenen Donnerstag auf seinem Anwesen in Krefeld das Leben genommen.
Für die Krefelder Behörden gibt es keinen Ermittlungsbedarf: "Das war eindeutig Suizid", sagt der Staatsanwalt. Oder Selbstmord, wie es die Nachbarn nennen. Einer von ihnen hat den kinderlos verheirateten Brandenbusch gefunden. Beim Spaziergang mit seinem Hund hinter Brandenbuschs Grundstück am Hülser Berg. Ganz nah am Wald. In bester Wohnlage hat der Pleiteunternehmer sich gegen drei Uhr nachmittags mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Brandenbusch wurde 59 Jahre alt.
Bei der Wuppertaler Staatsanwaltschaft, die gegen Brandenbusch wegen Betrugs, Insolvenzverschleppung und Untreue ermittelt hat, will man sich nicht äußern. Die einen sprechen von "Bilanz-Selbstmord". Andere verweisen auf seine Parkinson-Erkrankung. "Er hat die Medikamente nicht vertragen. Man sah ihm an, dass es ihm nicht gut ging", sagt eine Nachbarin.
Mit strahlenden Augen, ausgebreiteten Armen und sonorer Stimme verkaufte der gelernte Textilunternehmer vor vier Jahren seine letzte große Idee: Patienten der Zahnarztpraxen-Kette McZahn sollten sich auch ohne Geld teure Zahnprothesen leisten können. Brandenbuschs Trick: Statt in deutschen Dentallaboren ließ er den Zahnersatz billig in China herstellen. So billig, dass auch Kassenpatienten ohne Zuzahlung auskamen.
"Fielmann für die Zähne", titelte unsere Zeitung damals – begleitet von wütenden Pfiffen der etablierten Zahntechniker-Lobby. Die vielleicht auch nur ein Pfeifen im Walde waren: "Die Idee war ja gut", sagte gestern Wolf-Rüdiger von der Fecht, "andere Unternehmen sind damit inzwischen sehr erfolgreich."
Von der Fecht wurde Ende 2008 vom Amtsgericht Krefeld damit beauftragt, die Insolvenz von McZahn abzuwickeln. Da hatte Brandenbusch schon längst den Staatsanwalt im Haus: Er soll Urkunden und Bilanzen gefälscht haben. Noch heute fehlen knapp 900 000 Euro in der McZahn-Kasse, die auf wundersame Weise auf Brandenbuschs Konto gelandet sein sollen. Dafür drohte ihm eine Haftstrafe. Von der Fecht heute: "Gegen ein desaströses Management kommt auch die beste Idee nicht an."
Bei Brandenbusch drehte sich immer alles um die Idee. Ständig zitierte er Victor Hugo: "Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Damit fand er immer wieder Geldgeber. Auch für schräge Ideen.
Vor seiner Karriere als Dental-Dealer trat er noch als großer Bellheim auf. In Anlehnung an die berühmte Spielfilm-Figur nannte er so jedenfalls seine Personalberatung. Geschäftsidee: Jobvermittlung für arbeitslose Akademiker über 50. Das passte gut in das Jahr 2002, als die Republik sich noch über die massenhafte Frühverrentung von Managern empörte. Fand auch die ehemalige Bundesfamilienministerin Ursula Lehr, die erst die Bellheim-Schirmherrschaft und später einen Posten im Aufsichtsrat von McZahn übernahm. Ein paar Schlagzeilen später verschwand die Stiftung ebenso klanglos wie Brandenbuschs Butlerschule, in der Brandenbusch das Putzen von Jagdgewehren und das Waschen eines Rolls-Royce lehrte.
Über alle Abstürze hinweg hatte Brandenbusch sich eine ausgeprägte Begabung bewahrt: Er konnte überzeugen, war geradezu Menschenfischer. In allen sozialen Schichten. Neben Ursula Lehr saßen zum Beispiel auch der Showmaster Max Schautzer und der renommierte Krefelder Anwalt Rainer Girmes im Aufsichtsrat von McZahn. Nur drei von einem guten Dutzend Mitstreitern, die auch an Brandenbuschs McZahn-Idee verdienen wollten. Die meisten davon verkehren heute nur noch über Anwälte miteinander.
Am besten kannte ihn der Krefelder Zahnarzt Oliver Desch. Er hat McZahn zusammen mit Brandenbusch gegründet, sich dann heftig mit ihm zerstritten, seinen Beruf an den Nagel gehängt und lebt seit zwei Jahren äußerst zurückgezogen in einer anderen Stadt. Gestern sagte er am Telefon über Brandenbusch: "Der hätte auch Sektenführer werden können."
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